„Werte und Haltungen immer mitdenken“

Digital Health-Experte Prof. Dr. Tobias Gantner von der Kolping Hochschule über die Zukunft der Medizin

Einleitung

Wie entwickeln sich Medizin, Pflege und Patientenversorgung in Zeiten von Fachkräftemangel und Künstlicher Intelligenz? Diese Fragen stellt sich nicht nur das Bundesministerium für Forschung, Technologie und Raumfahrt, das das Wissenschaftsjahr 2026 – Medizin der Zukunft ausgerufen hat. Auch Prof. Dr. Tobias Gantner, der an der Kolping Hochschule den Studiengang Digital Health leitet, befasst sich intensiv mit diesen Themen. Mit ihm wagen wir einen Blick ins Jahr 2040 – und stellen die wichtigste Frage von allen: „In was für einer Gesellschaft wollen wir leben?“.

Interview

Lieber Herr Prof. Dr. Gantner, stellen wir uns einmal Folgendes vor: Es ist ein Morgen im Jahr 2040. Ich wache auf und fühle mich krank. Was mache ich als Nächstes?

Gantner: Möglich wäre, dass Sie ins Badezimmer gehen und eine Künstliche Intelligenz (KI) in Ihrem Spiegel einen Check-up bei Ihnen macht. Die könnte Ihnen dann sagen, wie hoch Ihre Körpertemperatur ist und wie Ihre Vitalwerte aussehen. Außerdem weiß die KI, dass sich fünf Menschen, mit denen Sie gestern Kontakt hatten, krankgemeldet haben, und dass Sie heute besser zu Hause bleiben sollten.

Womit sich der Gang zum Arzt schon mal erledigt hätte.

Gantner: Erstmal schon, ja. Zumindest wenn es um Beschwerden der Sorte Husten, Schnupfen, Heiserkeit geht. Wenn es komplizierter wird, betreten Sie vielleicht das virtuelle Wartezimmer ihres Hausarztes und geben Ihre Symptome online an, wo diese dann wiederum von einer KI ausgewertet werden. Die entscheidet dann, ob Sie in die Praxis kommen sollten, und auch zu welcher Zeit, damit Sie niemanden anstecken.

Das scheint gar nicht mehr so fern zu sein. Kürzlich hat mich ein Arzt per E-Mail informiert, dass bei ihm jetzt eine KI ans Telefon geht. Mit der kann ich künftig Termine vereinbaren und Rezepte anfordern.

Gantner: Entweder findet der Arzt kein Personal oder es ist eine Optimierungsstrategie, um Kosten zu sparen. Das wird es sicher immer häufiger geben.

Immer mehr Menschen wenden sich auch mit privaten Problemen an ihre Chatbots. Ersetzt die KI also in Zukunft auch Psychotherapeut*innen?

Gantner: Denkbar ist jedenfalls, dass die KI Ihren emotionalen Status kennt, weiß wie viele soziale Interaktionen Sie haben, und Ihnen irgendwelche „Mental Health“-Angebote macht.

Angesichts des Fachkräftemangels und der hohen Kosten im Gesundheitssystem scheint es naheliegend zu sein, zunehmend auf KI-gestützte Angebote zu setzen.

Gantner: Dieser Trend ist da, ja. Und die Rolle von Pflegekräften wird wichtiger werden. Ich könnte mir vorstellen, dass sozusagen „promovierte“ Pflegekräfte zunehmend die hausärztliche Versorgung übernehmen. Besonders im ländlichen Raum, wo ohnehin Ärztemangel herrscht, wären Gemeindepflegestützpunkte denkbar, in denen dann alles von hochqualifizierten Pflegekräften abgebildet wird. Einfache Pflegeaufgaben könnten dann Roboter übernehmen.

Glauben Sie, dass das die Zukunft der Gesundheitsversorgung ist?

Gantner: Möglich und vorstellbar ist vieles. Die Frage ist: Wollen wir, dass es so kommt? In was für einer Gesellschaft wollen wir leben? Wir geben jetzt schon unsere Standortdaten frei, um im Straßenverkehr schneller voranzukommen. Wollen wir das auch mit unseren Gesundheitsdaten tun? Oder geht es uns am Ende wie dem Zauberlehrling, der die Geister nicht mehr loswird, die er rief?

Spielen Sie auf das Thema Datenschutz an?

Gantner: Darauf auch. Schon jetzt landen unsere Daten auf amerikanischen Servern, wenn wir z.B. Tiktok, Instagram, Facebook, ChatGPT oder Google Gemini nutzen. Diese Daten sind alle nicht sicher. Aber mir geht es um viel grundlegendere Fragen, um Ethik, Werte und Haltungen.

Das müssen Sie erläutern.

Gantner: In der Debatte geht es viel um Prozessoptimierungsthemen. Viel entscheidender ist aber: Wie positionieren wir uns überhaupt zum Thema Gesundheit, zum Thema Leistungsfähigkeit, zum Thema Mensch? Was bedeutet Menschsein eigentlich? Ist der Mensch ein Produktivgut? Darf man auch mal krank sein? Wollen wir, dass wir als Menschen im Wettbewerb mit Maschinen stehen? Was passiert mit den Menschen, deren Job nicht mehr gebraucht wird, weil den jetzt eine KI macht?

Das sind in der Tat wichtige Fragen. Dazu finden auch zunehmend Debatten statt, aber der technische Fortschritt scheint kaum aufzuhalten zu sein.

Gantner: Wir sind an einem Punkt angekommen, wo sich die Technologie exponentiell entwickelt. Wir stehen mit Staunen daneben und sehen, was die künstliche Intelligenz so alles zu leisten imstande ist. Und auch wenn einige das ablehnen, wird es sich durchsetzen. Warum? Der demografische Wandel führt dazu, dass in der Pflege viel Personal gebraucht wird, aber das Personal ist knapp. Die Lohnnebenkosten sind hoch. Deswegen entscheiden sich immer mehr Institutionen, menschliche Arbeit durch KI zu ersetzen. Das betrifft ja nicht nur Ärzte, sondern ist in fast allen Branchen ein Thema.

Sie meinen, dieser Wandel sollte viel stärker reflektiert werden?

Gantner: Was wir jetzt brauchen, sind Leute, die einen Überblick haben, was da draußen gerade passiert. Genau das ist das Ziel unseres Studienganges Digital Health: Es geht
darum, Generalisten auszubilden, die einordnen können, was technisch möglich und sinnvoll ist.

Im Digital Health-Studium geht es also nicht nur um technische Fertigkeiten, IT-Skills etwa, sondern auch um ethische Fragestellungen?

Gantner: Ganz genau. Unsere Studierenden bekommen einen zeitgemäßen Überblick darüber, was die digitale Transformation der Gesundheit eigentlich bedeutet, und können das dann vertiefen. Und diese Vertiefung kann z.B. in der Pflege stattfinden, beim Controlling, auf Ämtern oder auch bei Krankenversicherungen. Und wir als Kolping Hochschule begleiten das immer mit werteorientierter und haltungsbasierter Lehre. Das heißt, das Thema Ethik ist da ganz wichtig. Entscheidend ist immer: Was geht und was wollen wir eigentlich?

Es geht also darum, den Wandel im Gesundheitswesen bewusst zu gestalten und zu steuern?

Gantner: Genau. Ziel ist es, Gestalter zu werden, nicht gestaltet zu werden. Und das Thema Werte und Haltungen immer mitzudenken. Ich freue mich darauf, mit den Studierenden und allen anderen Interessierten in den Diskurs zu gehen.

Vielen Dank für dieses Gespräch!

Das Interview führte Lars Germann.

Prof. Dr. Tobias Gantner

Prof. Dr. Tobias Gantner

Prof. Dr. Tobias Gantner

Prof. Dr. Tobias Gantner leitet an der Kolping Hochschule Gesundheit und Soziales den Studiengang Digital Health. Seit vielen Jahren ist er ein international gefragter Experte im Bereich digitaler Gesundheitsinnovationen.

Der studierte Humanmediziner und Philosoph arbeitete in der Transplantationschirurgie und promovierte im Bereich Versorgungsforschung. Es folgten berufsbegleitende Studiengänge in Health Care Management (MBA) und Medizinrecht (LL.M.).

Nach mehreren Jahren im Klinikbereich wechselte Dr. Gantner in die Gesundheitswirtschaft. Er übernahm Führungspositionen bei DAX-Unternehmen und internationalen Organisationen. Als Gründer der HealthCare Futurists GmbH vernetzt er Akteurinnen und Akteure aus Medizin, Technologie und Innovation.

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