DCK 2026 – Robotik in der Chirurgie – wem nutzt sie wirklich?

Dr. Adelheid Liebendörfer, Presse und Öffentlichkeitsarbeit Deutsche Gesellschaft für Chirurgie e. V.

Robotische Assistenzsysteme werden in der Chirurgie zunehmend eingesetzt – von Eingriffen an Knie, Prostata und Wirbelsäule bis hin zu Operationen bei Krebs der Verdauungsorgane oder bei Hernien. Sie ermöglichen präzise Bewegungen, können Gewebe schonen und werden von vielen Patientinnen und Patienten aktiv nachgefragt. Gleichzeitig ist ihr Nutzen nicht in allen Bereichen eindeutig belegt und ihre Kosten sind nicht abschließend geklärt.

„Wir müssen überhaupt erst verstehen, was robotische Chirurgie in der Gesamtbetrachtung kostet und welchen Mehrwert sie tatsächlich bietet“, so Prof. Dr. med. Roland Goldbrunner, Präsident 2025/2026 der Deutschen Gesellschaft für Chirurgie (DGCH) im Vorfeld des 143. Deutschen Chirurgie Kongresses (DCK 2026). Der DCK 2026 greift diese Fragen aus unterschiedlichen fachlichen Perspektiven in zahlreichen Sitzungen auf.

Vielseitige Anwendung – aber kein einheitliches Bild

Robotisch unterstütztes Operieren eignet sich insbesondere für komplexe Eingriffe in engen und schwer zugänglichen Körperregionen. Die Systeme ermöglichen eine hohe Präzision, gleichen Zitterbewegungen aus und erweitern den Handlungsspielraum gegenüber der klassischen und minimalinvasiven Chirurgie. Erste Studien deuten auf Vorteile hin, etwa kürzere Intensivaufenthalte, weniger Schmerzen oder eine bessere Schonung von Nervenstrukturen. Gleichzeitig zeigt sich ein uneinheitliches Bild: „Wir sehen eine enorme Dynamik über viele chirurgische Disziplinen hinweg – gleichzeitig ist die Evidenz nicht in allen Bereichen gleich stark“, sagt Prof. Dr. med. Thomas Schmitz-Rixen, DGCH-Generalsekretär.

Nutzen ist abhängig von Eingriff, Erfahrung und Patient

„Robotik hat nicht überall Vorteile“, sagt Frau Prof. Dr. med. Christiane Bruns, Direktorin der Klinik für Allgemein-, Viszeral-, Tumor- und Transplantationschirurgie und Leiterin des Wissenschaftsressorts der DGCH. „Wir müssen sehr genau hinschauen, bei welchen Eingriffen sie tatsächlich einen Mehrwert gegenüber den sehr hohen Kosten bietet.“

Die Diskussion zeigt: Der Nutzen hängt stark von der jeweiligen Indikation ab – und von der Erfahrung des Teams. Die Lernkurve ist ausgeprägt, und Ergebnisse lassen sich nicht ohne Weiteres von einem Zentrum auf ein anderes übertragen. Fehlende Erfahrung kann die Ergebnisse beeinflussen und den tatsächlichen Nutzen der Methode unterschätzen. Auch die Patientenauswahl spielt eine Rolle. „In der Krebschirurgie etwa können sehr komplexe Befunde mit Voroperationen oder Organbeteiligung die robotische Technik an Grenzen bringen“, so Bruns.

Tatsächliche Kosten-Nutzen-Berechnung fehlt

Eine belastbare Gesamtbewertung liegt bislang nicht vor. „Deshalb brauchen wir eine differenzierte Betrachtung“, betont Prof. Dr. med. Jens Werner, 1. Vizepräsident der DGCH und Direktor der Klinik für Allgemein-, Viszeral- und Transplantationschirurgie am LMU-Klinikum München. „Dazu gehören nicht nur Anschaffung, Verbrauchsmaterialien und Instrumente, sondern auch Faktoren wie Verweildauer im Krankenhaus, Komplikationen oder der Personaleinsatz im OP.“

Schonung der Operateure durch physiologische Körperhaltung

Neben Patientennutzen und Kosten rücken weitere Faktoren in den Fokus. Für die Operierenden hat Robotik einige Vorteile, etwa die schonende Ergonomie: Robotische Systeme ermöglichen eine sitzende, körperlich entlastende Arbeitsweise. „Sonst müssen wir häufig stundenlang in unphysiologischen Körperhaltungen operieren“, sagt Dr. med. Dolores Krauss, Assistenzärztin im Team von Prof. Bruns. Positiv ist auch, dass Nadelstichverletzungen bei robotischen Verfahren vermieden werden. Außerdem ergeben sich neue Möglichkeiten für Chirurginnen während der Schwangerschaft. „Diese Effekte werden bislang kaum in ökonomische Bewertungen einbezogen.“

Gleichzeitig gibt es Hinweise auf ein weiteres mögliches Einsparpotenzial durch weniger Personaleinsatz im OP: „Bei robotisch-unterstützten Operationen kommen wir oft mit 2 statt 3 Kolleginnen und Kollegen am OP-Tisch aus, da der Roboter viele Assistenzfunktionen übernimmt“, so Werner.

Neue Möglichkeiten durch Kombination von Robotik mit digitalen Anwendungen

Ebenso eröffnen digitale Anwendungen neue Möglichkeiten, etwa durch KI-gestützte Entscheidungsunterstützung, erweiterte Einsatzfelder, Simulationstraining und Weiterbildung sowie perspektivisch auch telechirurgische Verfahren.

Unzureichende Datenlage entlang des gesamten Behandlungspfads

„Kostentransparenz entlang des gesamten Behandlungspfads ist eine zentrale Voraussetzung für eine sachgerechte Bewertung und eine angemessene Vergütung“, betont Bruns. Viele Kostenfaktoren werden bislang nicht systematisch erfasst oder ausgewertet. Auch Ergebnisse wie Komplikationen, Folgeeingriffe oder Lebensqualität werden nicht einheitlich zusammengeführt. Und nicht zuletzt sind Fragen der Datensouveränität und ethischen Verantwortung noch offen.

Robotik darf nicht nur ein Marketinginstrument sein

Viele Expertinnen und Experten gehen davon aus, dass robotische Verfahren langfristig zum Standard werden könnten. „Robotik hat das Potenzial, die Chirurgie nachhaltig zu verändern; doch Robotik darf kein Marketinginstrument sein, sondern muss sich am Patientennutzen und an der Versorgungsrealität messen lassen“, so Bruns.

Struktur, Daten und klare Kriterien

Einigkeit besteht darin, dass die zunehmende Verbreitung der Robotik klare Rahmenbedingungen erfordert. Dazu gehören definierte Indikationskriterien, belastbare gesundheitsökonomische Daten, Qualitätsstandards und Zentrenbildung.
„Komplexe robotische Eingriffe gehören in Zentren“, betont Bruns. „Und Kostentransparenz ist die Grundlage für eine faire Vergütung.“

DCK 2026: Der 143. Deutsche Chirurgie Kongress

Das Thema Robotik steht mit zahlreichen Sitzungen auf der Agenda des 143. Deutschen Chirurgie Kongresses (DCK 2026), der vom 22. bis 24. April 2026 in Leipzig stattfindet. DCKdigital (nur online) vom 14. bis 16. April 2026.

Hinweis

Diese Meldung wurde in Kooperation mit dem Informationsdienst Wissenschaft (idw) veröffentlicht.