„An- und Zugehörige nicht nur als Helferinnen und Helfer sehen, sondern als Mitbetroffene“

Prof. Dr. Sara Marquard und Anna Wischnewski über das Projekt „Gesi-BK“

Einleitung

Wie können digitale Anwendungen pflegende An- und Zugehörige unterstützen? Um diese Frage geht es im Projekt „Gemeinsam sorgen bei fortgeschrittenem Brustkrebs (Gesi-BK)“, das vom Bundesministerium für Forschung, Technologie und Raumfahrt gefördert wird. Ziel ist es, eine Plattform zu entwickeln, die ganz genau auf die Bedarfe der Zielgruppe ausgerichtet ist. Grundlage dafür sind sowohl wissenschaftliche Erkenntnisse als auch Erfahrungen von Betroffenen. Im Interview sprechen die Projektleiterin Prof. Dr. Sara Marquard und die als Bürgerbeirätin beteiligte Anna Wischnewski darüber, was das Angebot besonders macht, welche Rolle die Beteiligung von Bürgerinnen und Bürgern spielt und wie dieser Ansatz die Versorgung der Zukunft mitgestalten kann.

Frau Prof. Dr. Marquard, warum konzentriert sich das Projekt auf die Unterstützung von An- und Zugehörigen brustkrebserkrankter Personen?

Marquard: Eine Brustkrebserkrankung betrifft nicht nur die erkrankte Person selbst, sondern auch ihr persönliches Umfeld. An- und Zugehörige übernehmen eine wichtige unterstützende Rolle. Oft sind sie zentral für die Begleitung und tägliche Versorgung. Diese Rolle ist nach wie vor wenig im Fokus und entsprechende Unterstützungsangebote genau für diese Zielgruppe sind begrenzt. Dabei sind sie selbst erheblichen emotionalen Belastungen ausgesetzt.

Über das Thema Krebs zu sprechen, ist nach wie vor schwierig. Umso wichtiger ist es, Möglichkeiten zum Austausch mit Menschen in einer ähnlichen Situation zu schaffen. Das vermittelt das Gefühl, mit den eigenen Herausforderungen nicht alleine zu sein. Das kann wiederum helfen, die Belastung besser zu bewältigen.

Frau Wischnewski, Sie bringen als Bürgerbeirätin im Projekt „Gesi-BK“ Ihre persönlichen Erfahrungen ein. Vor welchen Herausforderungen stehen An- und Zugehörige von brustkrebserkrankten Personen?

Wischnewski: Als langjährige Pflegefachperson und auch aus eigener Erfahrung im privaten Rahmen weiß ich, dass Angehörige häufig an ihre Belastungsgrenzen kommen – oft ohne diese überhaupt wahrzunehmen. Sie übernehmen zahlreiche Aufgaben, organisieren den Alltag, begleiten Termine und versuchen, der erkrankten Person Halt zu geben. Auch für sie ist das mit einer Lebensveränderung verbunden. Deshalb ist es wichtig, An- und Zugehörige nicht nur als Helferinnen und Helfer zu sehen, sondern als Mitbetroffene. Genau deshalb brauchen sie Aufmerksamkeit, Unterstützung und Angebote, die ihre eigene Situation in den Blick nehmen.

Das Projekt „Gesi-BK“ setzt genau dort an. Wie funktioniert die Anwendung?

Marquard: Die Unterstützungsplattform gemeinsamsorgen.de begleitet An- und Zugehörige in den unterschiedlichen Phasen einer Brustkrebserkrankung. Denn die Herausforderungen und Unterstützungsbedarfe verändern sich mit der Zeit. Darauf aufbauend erhalten sie bedarfsgerechte und wissenschaftlich fundierte Informationen und Angebote. Die Inhalte stellen wir als Texte, Hörtexte und Videos bereit, sodass jede Person den für sie passenden Zugang wählen kann.

Wischnewski: An- und Zugehörige brauchen vor allem leicht verständliche und verlässliche Informationen. Hier setzt die Anwendung an: Sie unterstützt dabei, den oft herausfordernden Pflegealltag besser zu strukturieren. Dank der benutzerfreundlichen Gestaltung lassen sich Informationen schnell und unkompliziert finden. Das ist besonders wichtig, denn An- und Zugehörige haben häufig wenig Zeit und Energie, sich durch zahlreiche Informationsquellen zu arbeiten. Gleichzeitig ersetzt die digitale Anwendung nicht den persönlichen Kontakt. Deswegen schafft sie über die Informationsangebote hinaus auch die Möglichkeit, mit Menschen ins Gespräch zu kommen und bei Bedarf persönliche Unterstützung zu erhalten.

Frau Prof. Dr. Marquard, warum ist es so wichtig, An- und Zugehörige brustkrebserkrankter Personen als die künftigen Anwenderinnen und Anwender in das Projekt einzubeziehen? Was haben Sie dadurch gelernt?

Marquard: Bei der Entwicklung war uns wichtig, eine gute Balance zwischen wissenschaftlichen Erkenntnissen und den konkreten Bedürfnissen der Zielgruppe zu schaffen. Um diesen Ausgleich zielgruppengerecht zu gestalten, ist es unverzichtbar, Betroffene einzubeziehen und im engen Austausch zu sein. Die Rückmeldungen der pflegenden An- und Zugehörigen haben die Ausgestaltung der Anwendung entscheidend geprägt. Die Zusammenarbeit auf Augenhöhe war für uns ein wichtiger Lernprozess.

Frau Wischnewski, warum ist die frühzeitige Einbindung von künftigen Anwenderinnen und Anwendern aus Ihrer Sicht essenziell für den Erfolg von Forschungsprojekten?

Wischnewski: Für mich war es von Anfang an wichtig, dass die Anwendung in einer verständlichen Sprache gestaltet wird. Menschen, die sich in einer belastenden Situation befinden, sollten keinen „Übersetzer“ brauchen, um die Informationen zu verstehen. Sie sollten das Angebot unabhängig von Alter, Bildungsstand oder medizinischen Vorkenntnissen nutzen können. Genau deshalb ist die frühzeitige Einbindung der künftigen Nutzerinnen und Nutzer so wichtig. Wir müssen ihnen zuhören und erst danach mit der Entwicklung beginnen. Nur so entsteht etwas, das für die Menschen tatsächlich hilfreich ist. Und das schafft die Unterstützungsplattform.

Was ist Ihre Vision für die Pflege der Zukunft und für die Weiterentwicklung des Angebots?

Marquard: Die Pflege der Zukunft braucht verschiedene Perspektiven und eine enge Zusammenarbeit unterschiedlicher Berufsgruppen. Gute Versorgung kann nur multiprofessionell gelingen. Für die Unterstützungsplattform wünsche ich mir, dass der Ansatz auch auf andere Krebserkrankungen und weitere chronische Erkrankungen übertragen wird und damit noch mehr An- und Zugehörige erreicht.

Wischnewski: Entscheidend ist, dass wir die Digitalisierung nutzen und so gestalten, dass sie eine echte Unterstützung ist und wir Angehörige in der Pflege und Begleitung nicht alleine lassen. Menschen sollten schnell Zugang zu verständlichen Informationen erhalten. Die Technologie muss dabei eine Brücke sein und dem Menschen dienen, nicht umgekehrt. Für die Zukunft wünsche ich mir, dass Angehörige noch früher in Entwicklungsprozesse einbezogen werden.

Porträt: Prof. Dr. Sara Marquard

Prof. Dr. Sara Marquard

Prof. Dr. Sara Marquard

Prof. Dr. Sara Marquard ist Professorin für Pflegewissenschaft an der Hochschule Osnabrück und stellvertretende wissenschaftliche Leiterin des Deutschen Netzwerks für Qualitätsentwicklung in der Pflege (DNQP). Ihre Arbeits- und Forschungsschwerpunkte liegen unter anderem in der Onkologie und palliativen Pflegeforschung, den modernen Versorgungsstrukturen im Kontext von Pflege- und Sorgearbeit sowie der Qualitätsentwicklung in der Pflege.

Aufgabenfelder/Forschungsfeld: Professorin für Pflegewissenschaft an der Hochschule Osnabrück

Porträt: Anna Wischnewski

Anna Wischnewski

Anna Wischnewski

Anna Wischnewski ist Geschäftsführerin des BegleiterNetzwerk Bochum und Bürgerbeirätin im Projekt „Gesi-BK“. Ihre Arbeits- und Tätigkeitsschwerpunkte liegen unter anderem in der Begleitung pflegebedürftiger Menschen und ihrer An- und Zugehörigen, der Gesundheitsvorsorge sowie der Entwicklung bedarfsgerechter Unterstützungsangebote. Als examinierte Pflegefachkraft (i. R.) und langjährig pflegende Angehörige bringt sie ihre fachlichen und persönlichen Erfahrungen in die nutzerorientierte Gestaltung der digitalen Anwendung ein.

Aufgabenfelder/Forschungsfeld: Geschäftsführerin des BegleiterNetzwerk Bochum

Weitere Informationen

  • Plattform „gemeinsam sorgen“

    Plattform „gemeinsam sorgen“

    Kostenlose und verlässliche Information, Beratung und Begleitung für An- und Zugehörige von Menschen mit fortgeschrittenem Brustkrebs.

  • Projektsteckbrief

    Projektsteckbrief

    Mehr erfahren zu Zielen und dem Vorgehen des Projekts „Gesi-BK“.

  • Ergebnisse des Projekts

    Ergebnisse des Projekts

    Was ist aus dem Projekt „Gesi-BK“ bereits entstanden? Wo steht es aktuell? Mehr erfahren im Ergebnissteckbrief.

  • Bürgerbeirat

    Bürgerbeirat

    Mehr erfahren zum Bürgerbeirat „Informell Pflegender“, in dem auch Anna Wischnewski Mitglied ist.

  • Pressemitteilung zu Gesi-BK

    Pressemitteilung zu Gesi-BK

    Mehr erfahren zum Projekt und der Unterstützungsplattform in der Pressemitteilung der Universität Osnabrück.

  • Challenge: Pflege im August

    Challenge: Pflege im August

    Jetzt mitmachen bei der Challenge #WerPflegt und das eigene Wissen zur Pflege in unserem Quiz testen!