Länger mental fit bleiben

Wie personalisierte Prävention unser Gehirn schützen kann. Ein Beitrag von Prof. Dr. med. Emrah Düzel, Dr. Judith Wesenberg und Dr. Lucía Penalba Sánchez

Einleitung

Demenz ist weltweit die häufigste Ursache für Pflegebedürftigkeit. Wie sich die Gehirngesundheit positiv beeinflussen lässt, rückt deswegen immer mehr in den Fokus. Bis zu 45 Prozent der Demenzfälle ließen sich durch einen veränderten Lebensstil und angepasste Umwelteinflüsse verhindern oder zumindest verzögern. Wichtig dabei ist, Maßnahmen auf jede Person individuell zuzuschneiden. Genau hier setzt das europäische Forschungsprojekt „PrecisePrevent“ an.

PrecisePrevent: Personalisierte Vorsorge für die Hirngesundheit

Das angewandte Forschungsprojekt PrecisePrevent entwickelt personalisierte Maßnahmen, um die kognitive Gehirnalterung zu verlangsamen. Ausgangspunkt ist eine individuelle Bewertung verschiedener Faktoren. In welchem Zustand ist das Gehirn einer Person? Welche Risikofaktoren liegen vor? Welche Gewohnheiten prägen den Alltag? Und wie viel Zeit bleibt überhaupt für geeignete Maßnahmen?

Auf dieser Grundlage entwirft PrecisePrevent maßgeschneiderte Empfehlungen, die sich veränderten Lebensumständen dynamisch anpassen, beispielsweise zum Schlaf, zum Beruf oder zur Familie. Damit der Ansatz skalierbar und breit zugänglich wird, entwickelt das transnationale Konsortium eine mobile App, deren intelligenter Coach auf Erkenntnissen aus der Präventionsforschung aufbaut und den Teilnehmenden individuelle Rückmeldungen gibt.

Was wissen wir heute?

Die aktuelle Forschung identifiziert mehrere Faktoren des Lebensstils, die sich nachweislich auf die Gehirngesundheit auswirken. Das sind die relevantesten:

Gefäßgesundheit: Sie beeinflusst unmittelbar den Blutfluss im Gehirn. Damit kognitive Funktionen nicht negativ beeinflusst werden, kommt es darauf an, Blutdruck, Blutzuckerspiegel und Cholesterin individuell angepasst im Blick zu behalten, auf das Rauchen zu verzichten, den Alkoholkonsum einzuschränken und ihn bei Nieren- oder Leberproblemen ganz aufzugeben.

Ernährung: Verschiedene Diäten stehen derzeit im Fokus, um den Verlauf von Alzheimer-Erkrankungen zu verlangsamen. Die MIND-Diät wurde vor allem mit Blick auf die Gefäßgesundheit entwickelt. Sie beinhaltet täglich grünes Blattgemüse und Beeren (insbesondere Blaubeeren), zweimal pro Woche Omega-3-reichen Fisch sowie Nüsse und Olivenöl als wichtigste Fettquelle zu essen. Gesättigte Fette, hochverarbeitete Lebensmittel und industrieller Zucker stehen nicht auf dem Speiseplan.

Körperliche Aktivität: Regelmäßige Bewegung (z. B. Gehen, Schwimmen, Radfahren) hat direkte Auswirkungen auf das Volumen des Hippocampus – einer Gehirnregion, die besonders wichtig für unser Gedächtnis ist, insbesondere für unsere Erinnerungen an persönliche Erlebnisse. Ebenso stimulieren Aktivitäten wie Tanzen, Yoga oder Tai-Chi den Gleichgewichtssinn und die Eigenwahrnehmung von Körperhaltung und Muskelspannung. Außerdem zeigten sie in Pilotstudien positive Auswirkungen auf das Gedächtnis und die räumliche Navigation.

Was wissen wir heute? (Fortsetzung)

Schlaf: Im Tiefschlaf entsorgt das Gehirn Abfallprodukte unseres Stoffwechsels – einschließlich Proteine, die mit der Alzheimer-Erkrankung in Verbindung stehen. Im REM-Schlaf festigen sich unsere emotionalen, räumlichen und prozeduralen Erinnerungen. Um ausreichend Schlaf zu bekommen und damit diese Prozesse zu optimieren, ist es hilfreich, den eigenen Chronotyp zu kennen und die täglichen Aktivitäten, insbesondere am Abend, darauf anzupassen.

Kognitive Stimulation: Das Gehirn profitiert am meisten von Aktivitäten, die zugleich Freude bereiten und fordern. Entscheidend ist, zwei oder drei Themen oder Aktivitäten zu finden, bei denen beides zusammenkommt. Im Idealfall erkunden wir neue Umgebungen und sind dabei gleichzeitig körperlich aktiv. Auch ein neues Instrument zu lernen oder sich eine neue Sprache anzueignen – am besten in Verbindung mit einer Reise – aktiviert das Gehirn ganzheitlich. Besonders hervorzuheben ist das Tanzen: Es verbindet Gleichgewicht, Koordination, körperliche Anstrengung, räumliche Orientierung sowie soziale Teilhabe und kognitive Stimulation auf besonders wirkungsvolle Weise.

Soziales Leben: Soziale Beziehungen wirken sich positiv auf das psychologische Wohlbefinden aus und verringern das Risiko für eine Demenz-Erkrankung. Beispiele sind die Teilnahme an Gemeinschaftsaktivitäten, die Gründung einer Musikgruppe oder eines Buchclubs, gemeinsame Spaziergänge oder Spielabende.

Meditation und Achtsamkeit: Regelmäßige Meditation und Achtsamkeitsübungen senken das Stressniveau und damit die Ausschüttung von Cortisol, das bei dauerhaft erhöhten Werten den Hippocampus schädigen kann. Studien deuten zudem darauf hin, dass achtsamkeitsbasierte Praktiken die Aufmerksamkeitssteuerung und die Aktivität in Hirnregionen stärken, die für Selbstregulation und emotionale Verarbeitung zuständig sind. Schon wenige Minuten täglich können einen Unterschied machen, wobei die Regelmäßigkeit entscheidend ist und nicht die Dauer der einzelnen Einheit.

Umgang mit negativen Gedanken: Anhaltendes Grübeln und wiederkehrende negative Gedankenmuster (in der Forschung als „repetitive negative thinking“ bezeichnet) stehen mit einem erhöhten Risiko für kognitiven Abbau in Verbindung. Vermutet wird, dass die dauerhafte mentale Belastung die überhöhte Aktivität mancher Hirnregionen und gar Entzündungsprozesse begünstigt und die Gehirnreserve schwächt. Hilfreich sind Strategien, die das Gedankenkarussell unterbrechen, etwa durch Achtsamkeit, gezielte Aktivitätsplanung oder bei Bedarf durch kognitive Verhaltenstherapie.

Psychische Gesundheit und Depression: Depression ist sowohl ein Frühsymptom als auch ein eigenständiger Risikofaktor für spätere kognitive Einbußen. Unbehandelte depressive Episoden gehen mit Veränderungen im Hippocampus und in den Stressregulationssystemen einher. Das frühzeitig zu erkennen und zu behandeln, ist daher nicht nur für das psychische Wohlbefinden wichtig, sondern auch für die langfristige Gehirngesundheit.

Hör- und Sehgesundheit: Unkorrigierte Einbußen in Hör- oder Sehgenauigkeit erhöhen die kognitive Belastung des Gehirns und sind mit einem höheren Risiko für kognitive Defizite verbunden. Regelmäßige Vorsorgeuntersuchungen und die Verwendung von Hilfsmitteln wie Brillen und Hörgeräten bei Bedarf sind wichtige präventive Maßnahmen.

Der Zugang zur Prävention

Epidemiologische Daten zeigen, dass Länder mit größeren wirtschaftlichen und geschlechtsspezifischen Ungleichheiten höhere Demenzraten aufweisen. Der Zugang zu umfassender Diagnostik (Blutuntersuchungen, MRT-Scans, personalisierte medizinische Nachsorge) bleibt für viele ein Privileg und weist eine hohe regionale Ungleichheit auf.

Dies macht PrecisePrevent nicht nur zu einem wissenschaftlichen Innovationsprojekt, sondern auch zu einem Projekt der öffentlichen Gesundheit. Ein wichtiges Ziel ist nämlich, durch Digitalisierung und Künstliche Intelligenz (KI) ein personalisierbares Vorsorge-Coaching über regionale Barrieren hinweg verfügbar zu machen.

Was können Sie tun?

  • Sprechen Sie mit Ihrer Ärztin oder Ihrem Arzt über Ihre Herz-Kreislauf- und Stoffwechselgesundheit – und besprechen Sie, was Sie gemeinsam optimieren können.

  • Überprüfen Sie Ihren Schlaf: Schlafen Sie regelmäßig zwischen 7 und 8 Stunden? Wachen Sie erholt auf?

  • Bewegen Sie sich: Mindestens 150 Minuten moderate Aktivität pro Woche sind der empfohlene Ausgangspunkt.

  • Pflegen und bereichern Sie Ihre sozialen Beziehungen: Unterschätzen Sie nicht die Kraft eines guten Gesprächs oder einer gemeinsamen Aktivität mit anderen.

  • Finden Sie zwei oder drei Themen, die Ihnen Freude bereiten und Sie gleichzeitig herausfordern: etwa neue Umgebungen zu erkunden, eine neue Sprache oder ein neues Instrument zu lernen oder einen neuen Tanzstil auszuprobieren.

  • Lassen Sie Ihr Gehör und Ihre Sehkraft überprüfen: Wenn Sie Einschränkungen bemerken, sprechen Sie zeitnah mit einer Fachärztin oder einem Facharzt.

Prof. Dr. med. Emrah Düzel

Prof. Dr. med. Emrah Düzel

Prof. Dr. med. Emrah Düzel ist Kognitionsneurologe und Direktor des Instituts für Kognitive Neurologie und Demenzforschung sowie der Gedächtnisambulanz an der Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg und am Deutschen Zentrum für Neurodegenerative Erkrankungen (DZNE) in Magdeburg. Außerdem ist er Gruppenleiter am Institut für Kognitive Neurowissenschaften am University College London (UCL). Seine Arbeit verbindet grundlegende Neurowissenschaften mit klinischer Praxis – mit Schwerpunkten auf Gedächtnis, Hippocampus und frühen Markern kognitiven Abbaus. Er ist Mitgründer von Neotiv, einem Unternehmen, das Apps zur kognitiven Bewertung entwickelt. Im Rahmen von PrecisePrevent erforscht er, wie personalisierte Interventionen auf das neurologische Profil jeder einzelnen Person zugeschnitten werden können.

Dr. Judith Wesenberg

Dr. Judith Wesenberg

Dr. Judith Wesenberg ist Neuropsychologin am Institut für Kognitive Neurologie und Demenzforschung. Sie leitet dort die Mittel-Elbe-Plattform, eine multimodale Beobachtungs- und Interventionsplattform zur Untersuchung kognitiver Vitalität. Ihre Forschung untersucht individuelle Unterschiede in Kognition und Verhalten bei Neurodegeneration und Hirnalterung und verbindet dazu neuropsychologische Diagnostik, Bildgebung, blutbasierte Biomarker und Real-World-Daten aus tragbaren Sensoren. Ein besonderer Fokus liegt auf präklinischer Alzheimer-Pathologie, Apathie und den individuellen Faktoren, die kognitive Vitalität über die Lebensspanne stützen oder gefährden.

Dr. Lucía Penalba Sánchez

Dr. Lucía Penalba Sánchez

Dr. Lucía Penalba Sánchez ist Kognitionsneurowissenschaftlerin am Deutschen Zentrum für Neurodegenerative Erkrankungen (DZNE) in Magdeburg. Ihre Arbeit steht an der Schnittstelle von Forschung und klinischer Praxis. Ihre Forschung konzentriert sich auf multimodale Lebensstilinterventionen zur Prävention von kognitivem Abbau und Neurodegeneration im Alter sowie auf die Rolle des Locus-coeruleus-noradrenergen Systems im Gedächtnis und sein Potenzial als therapeutisches Ziel.

Weitere Informationen

  • DZNE

    DZNE

    Mehr über das Deutsche Zentrum für Neurodegenerative Erkrankungen auf der Website erfahren.

  • Mittel-Elbe-Plattform

    Mittel-Elbe-Plattform

    Mehr über die Mittel-Elbe-Plattform zur Untersuchung kognitiver Vitalität auf der Website erfahren.

  • PrecisePrevent

    PrecisePrevent

    Mehr über das Projekt PrecisePrevent auf der Website des DZNE erfahren.

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