Neue Wege gegen Depression: Die Perspektive von Kindern und Jugendlichen zählt

Ein Beitrag von Prof. Dr. Ellen Greimel

Einleitung

Die Depression gehört zu den häufigsten psychischen Erkrankungen im Kindes- und Jugendalter. Obwohl es wirksame Behandlungsmöglichkeiten gibt, nehmen Betroffene und ihre Familien professionelle Hilfe oft gar nicht oder erst spät in Anspruch. Daher sind niederschwellige Ansätze wichtig, die gemeinsam mit Kindern und Jugendlichen entwickelt werden und den Zugang zu etablierten Behandlungen bahnen können.

Depression im Kindes- und Jugendalter oft nicht erkannt und spät behandelt

Bereits im Grundschulalter sind rund zwei Prozent der Kinder von einer Depression betroffen. Ab der Pubertät nimmt die Häufigkeit deutlich zu: Im Jugendalter leiden etwa sieben bis acht Prozent an der Erkrankung. Depressionen im Kindes- und Jugendalter sind oft mit erheblichen kurz- und langfristigen Beeinträchtigungen verbunden. Mögliche Folgen sind unter anderem schulische Probleme und Isolation. Um wirksame Therapien wahrzunehmen, fehlt Betroffenen und ihren Familien häufig das Wissen über die Anzeichen einer Depression bei Kindern und Jugendlichen sowie über geeignete Behandlungsoptionen. Hinzu kommen Scham und Angst vor Stigmatisierung. Darüber hinaus gibt es erhebliche strukturelle Barrieren: Kinder und Jugendliche mit psychischen Erkrankungen warten meist lange auf einen Therapieplatz. Laut des Versorgungsmonitors Psychotherapie sind die Wartezeiten für diese junge Patientengruppe zuletzt weiter gestiegen und liegen derzeit bei etwa acht Monaten.

Angesichts der Häufigkeit der Erkrankung und ihrer Folgen besteht dringender Handlungsbedarf, um diesen Barrieren zu begegnen. Eine Möglichkeit bieten digitale, niederschwellige Ansätze. Bei der Konzeption ist die Beteiligung betroffener Kinder und Jugendlicher sowie ihrer Eltern zentral. Nur so lässt sich gewährleisten, dass deren Bedürfnisse und Perspektiven Berücksichtigung finden und neue Angebote auf Akzeptanz stoßen. Die folgenden beiden Projektinitiativen zeigen, wie dies gelingen kann.

Zielgruppengerecht und nahbar: Aufklärung mit Kindern und Jugendlichen gestalten statt nur für sie

„ich bin alles“ ist ein evidenzbasiertes, digitales Informationsangebot zur Depression und psychischen Gesundheit im Kindes- und Jugendalter. Das Portal richtet sich an Kinder und Jugendliche mit und ohne Depression von zwölf bis 18 Jahren.Bereiche für Eltern und Lehrkräfte ergänzen das Angebot mit verlässlichen Informationen und Orientierung. Das Portal entwickelte die Klinik und Poliklinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie (KJP) des LMU Klinikums München gemeinsam mit der Beisheim Stiftung.

Über eine Website und ergänzende Social-Media-Kanäle erhalten junge Menschen und ihr Umfeld zielgruppengerechte Informationen zu Depressionen im Kindes- und Jugendalter sowie wirksamen Behandlungsmöglichkeiten basierend auf einer wissenschaftlichen Leitlinie (Koordination: Prof. Schulte-Körne). Zudem informiert „ich bin alles“ darüber, wie junge Menschen und ihre Familien die psychische Gesundheit stärken und der Erkrankung vorbeugen können. Gleichzeitig soll das Angebot dazu beitragen, Stigmatisierung abzubauen.

Fortsetzung: Zielgruppengerecht und nahbar: Aufklärung mit Kindern und Jugendlichen gestalten statt nur für sie

Ein besonderes Merkmal des Projekts ist die partizipative Entwicklung. Kinder und Jugendliche sowie ihre Eltern waren von Beginn an beteiligt. Das Ergebnis ist eine gut verständliche Website mit einer ermutigenden Ansprache und kinder- und jugendgerechten Formaten – von kurzen, anschaulich illustrierten Texten über Podcasts bis hin zu zahlreichen Videos. Ein eigens eingerichteter Kinder- und Jugendrat trifft sich regelmäßig mit dem Projektteam, um das Angebot kontinuierlich weiterzuentwickeln. 

Studien zeigen, dass das Portal das Wissen über psychische Gesundheit und Depression nachhaltig verbessert und bei den Zielgruppen auf hohe Akzeptanz stößt. Beides sind wichtige Voraussetzungen, um Betroffene und ihre Familien dabei zu unterstützen, frühzeitig geeignete Hilfe in Anspruch zu nehmen.

Kinder mit Depressionen spielerisch stärken: Das Projekt SG4ChildD

Um die langen Wartezeiten auf einen Therapieplatz zu überbrücken, braucht es gut zugängliche Angebote. Diese können vorbereitend oder ergänzend zur professionellen Behandlung dazu beitragen, depressive Symptome zu lindern und Ressourcen zu stärken. Insbesondere spielerisch gestaltete digitale Ansätze, die partizipativ entwickelt werden, gelten als vielversprechend. 

Hier setzt das Projekt SG4ChildD an, das vom Bundesministerium für Forschung, Technologie und Raumfahrt (BMFTR) gefördert wird. Das Verbundprojekt (Koordination: AG Serious Games; TU Darmstadt) vereint sieben Projektpartner, darunter die KJP des LMU Klinikums. Im Mittelpunkt steht die Entwicklung einer spielerischen App zur Verbesserung der Regulation von Emotionen. Eine angemessene Emotionsregulation gilt als Schutzfaktor gegenüber der Entwicklung und Aufrechterhaltung depressiver Symptome und bietet einen wichtigen Ansatzpunkt für die Vorbeugung und Intervention. 

SG4ChildD verfolgt das Ziel, 8- bis 12-jährige Kinder mit Depressionen altersgerecht dabei zu unterstützen, Strategien zur Regulation ihrer Emotionen zu erwerben. In einem Serious Game – einem Spiel mit ernsthaften Lerninhalten – trainieren die Kinder mit Unterstützung eines virtuellen Begleiters spielerisch den Umgang mit schwierigen Alltagssituationen. Beispielsweise lernen sie, hilfreiche Gedanken zu entwickeln und sich auf Positives im Alltag zu fokussieren. Zusätzliche Funktionen wie ein Tagebuch helfen, Gelerntes im Alltag anzuwenden. Spielerische Elemente wie Belohnungspunkte und Abzeichen fördern Motivation und Spielfreude.

Fortsetzung: Kinder mit Depressionen spielerisch stärken: Das Projekt SG4ChildD

SG4ChildD basiert auf einem nutzerzentrierten Entwicklungsprozess mit kontinuierlicher Einbindung der Zielgruppe. So berichteten Kinder und Eltern sowie pädagogische Fachkräfte in Interviews und Fokusgruppen, welche Alltagssituationen für Kinder besonders belastend sind. Darauf aufbauend finden sich entsprechende Alltagsszenarien in dem Spiel wieder. Auch die Gestaltung der App orientiert sich an den Wünschen und Ideen der Zielgruppe. 

Nach ihrer Entwicklung soll die App evaluiert werden. Dabei soll neben der Akzeptanz ihr Potenzial überprüft werden, Emotionsregulation spielerisch zu verbessern und depressive Symptomatik ergänzend zu einer professionellen Behandlung zu lindern.

Prof. Dr. Ellen Greimel

Prof. Dr. Ellen Greimel

Prof. Dr. Ellen Greimel

Seit 2012 leite ich die Arbeitsgruppe „Depression im Kindes- und Jugendalter“ an der Klinik und Poliklinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie des LMU Klinikums München. Am Standort München-Augsburg bin ich als Wissenschaftlerin Teil des Deutschen Zentrums für Psychische Gesundheit (DZPG). In meiner Arbeitsgruppe beschäftigen wir uns vor allem mit den Ursachen der Depression bei jungen Menschen. Dabei interessiert uns insbesondere, welche Rolle die Emotionsregulation bei der Entstehung und Aufrechterhaltung der Depression spielt. Außerdem entwickeln und untersuchen wir digitale Ansätze, die Kinder und Jugendliche mit Depressionen bei der Bewältigung der Erkrankung unterstützen können.

Aufgabenfelder/Forschungsfeld: Leitung der Arbeitsgruppe „Depression im Kindes- und Jugendalter“

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