Prof. Dr. Anna Lene Seidler, Professorin für Health Equity in Child Health an der Universitätsmedizin Rostock
„Wir müssen die Unterschiede zwischen Kindern und Jugendlichen stärker berücksichtigen“
Bemühungen, die Gesundheit von Kindern und Jugendlichen zu verbessern, gibt es viele. Aber kommen die Gesundheitsprogramme wirklich bei denen an, die sie brauchen? Und wie effektiv sind sie? Um das zu untersuchen, führt Prof. Dr. Anna Lene Seidler internationale Datensätze zusammen und vergleicht verschiedene Programme miteinander. Ihr Ziel: Vermeidbare gesundheitliche Ungleichheiten bei Kindern und Jugendlichen reduzieren. Über ihre Arbeit, ihren Werdegang und ihre Motivation sprechen wir mit ihr im Interview.

Sie forschen zu Health Equity – der Gesundheitsgerechtigkeit – bei Kindern und Jugendlichen. Mit welchen Fragen beschäftigen Sie sich?
Wie können wir gesundheitliche Unterschiede bei Kindern verringern? Wie können wir die Kinder, die am meisten davon profitieren könnten, mit gesundheitlichen Maßnahmen erreichen? Ursprünglich komme ich aus der Methodik, also dem Fachbereich zur wissenschaftlichen Arbeits- und Herangehensweise. Da stellen sich Fragen wie: Wie können wir verschiedene Datensätze aus der ganzen Welt zusammenbringen, um Forschungsfragen besser zu beantworten? Dazu untersuche ich zum Beispiel, wie wir Health Equity überhaupt messen können. Oder wie wir Leitlinien formulieren, damit sich die Empfehlungen nicht nur auf das Durchschnittskind beziehen, sondern auf verschiedene Kinder in verschiedenen Situationen.
Ein Beispiel: In Bezug auf Übergewicht bei Kindern hieß es lange: „Wir müssen den Eltern beibringen, wie sie ihre Kinder gesund ernähren.“ Aber die Kampagnen haben nicht die Familien erreicht, die es am meisten brauchen. Also richten wir den Blick auf die Schule, wo wir aufgrund der Schulpflicht fast alle Kinder erreichen. Jetzt untersuchen wir, wie sich Schulessen gesünder gestalten lässt.
Warum ist Gesundheitsgerechtigkeit gerade im Kindes- und Jugendalter so wichtig?
Kinder suchen sich nicht aus, in welcher Region oder Familie sie geboren werden. Aber diese Faktoren haben großen Einfluss darauf, wie gesund sie ihr Leben lang sein werden. Das fängt damit an, dass sie verschiedene Möglichkeiten haben, sich zu bewegen oder zu ernähren. Oder dass es unterschiedlich leicht ist, ärztliche Angebote anzunehmen.
Wenn wir Datensätze zusammenführen, können wir zeigen, welche Gruppen von welchen Angeboten profitieren oder auch nicht. Daraus lassen sich gezielte Angebote ableiten, um die gesundheitlichen Unterschiede bei Kindern und Jugendlichen zu verringern. Das kann insbesondere Kindern aus sozial benachteiligten Familien helfen, gesund aufzuwachsen.
Was ist Ihre Vision für die Zukunft in Ihrem Forschungsbereich?
Wir müssen die Unterschiede zwischen Kindern und Jugendlichen stärker berücksichtigen. Wenn wir Forschungsfragen, Leitlinien und Maßnahmen entwickeln, sollte es nicht nur darum gehen, ob sie die Kindergesundheit im Durchschnitt verbessern. Es muss auch darum gehen, dass sie alle wichtigen Gruppen erreichen und gesundheitliche Ungleichheiten verringern.
Außerdem wird die Forschung dazu aktuell nur unzureichend koordiniert. Manche Datensätze umfassen zum Beispiel nur das Bildungsniveau der Eltern, andere nur den Migrationshintergrund. Das macht es schwierig, die Daten zusammenzuführen. Für die Zukunft wünsche ich mir, dass Forscherinnen und Forscher früher und koordinierter zusammenarbeiten.
Die Universitätsmedizin Rostock gehört zu einem von insgesamt sieben Partnerstandorten des künftigen Deutschen Zentrums für Kinder- und Jugendgesundheit (DZKJ), dessen Aufbau vom BMFTR gefördert wird. Ziel ist es, die besten kinder- und jugendmedizinischen Forschungsinstitutionen Deutschlands miteinander zu vernetzen. Welchen Einfluss hat Ihre Beteiligung am Zentrum auf Ihre Arbeit?
Von dem Zentrum erhoffe ich mir genau diese Art der Zusammenarbeit. Es ist toll, dass dieser Schwerpunkt in Deutschland so gefördert wird. Das Zentrum kann einen großen Beitrag leisten, um die Gesundheit von Kindern und Jugendlichen hierzulande zu verbessern.
Was motiviert Sie, im Bereich der Kinder- und Jugendgesundheit zu forschen?
Der Bereich hat ein großes Potenzial, das Leben vieler Menschen zu verbessern. Wenn wir die Gesundheit von Kindern und Jugendlichen stärken, kann das lebenslange positive Auswirkungen haben. Da möchte ich gerne einen positiven Beitrag leisten. Und mich fasziniert, dass in diesem Bereich so viele Felder zusammenkommen. Politikwissenschaften, Soziologie, Statistik, Psychologie, Medizin – alle wirken mit, um Lösungen zu finden.
Wie sind Sie dorthin gekommen, wo Sie heute beruflich stehen?
Ich fand es schon immer spannend, Fragen zu stellen und Antworten zu finden. Für mein Studium der Psychologie und Mathematik habe ich mir bewusst einen Studiengang ausgewählt, der auf Forschung ausgerichtet war. Bei meinem Masterstudium in Edinburgh, „Research Methods“, war dieser Fokus noch stärker.
Der methodische Schwerpunkt erlaubt mir, mein Wissen auf unterschiedliche Bereiche anzuwenden. Ich habe mich immer daran orientiert, wo ich das größte Potenzial zur Veränderung gesehen habe. So bin ich zur Health Equity gekommen.
Wenn Sie Ihrem jüngeren Ich einen Tipp geben könnten – welcher wäre das?
Akademische Karrieren sind von Rückschlägen geprägt – Entwürfe für wissenschaftliche Arbeiten werden abgelehnt, Förderungen nicht bewilligt. Mein Tipp ist, sich nicht entmutigen zu lassen und Spaß an der Forschung zu haben. Ein anderer Punkt ist, sich Menschen zu suchen, die einen inspirieren, die sich Zeit nehmen und von denen man lernen kann. Ich habe selbst viele Vorbilder. Es ist eine Besonderheit der Wissenschaft, dass dort so viele Menschen mit so viel Begeisterung und Großzügigkeit arbeiten. Man muss sich nur trauen, sie anzusprechen.
Was raten Sie jungen Menschen, insbesondere jungen Mädchen und Frauen, die später in der Medizin oder anderen naturwissenschaftlichen Forschungsfeldern arbeiten möchten?
Als junge Frau wird man manchmal zuerst nicht ernstgenommen. Wir müssen uns selbst vertrauen und für uns und andere einstehen. Frauen wird auch eher mal Arbeit zugeteilt, die weniger sichtbar ist, zum Beispiel Protokolle schreiben oder organisatorische Arbeit. Es hilft, sich mit anderen darüber auszutauschen, um diese Muster zu erkennen. Ich habe schon früh an einem Mentorinnen-Programm teilgenommen, in dem wir solche Situationen durchgespielt haben. Da habe ich Strategien gelernt, wie ich höflich, aber bestimmt damit umgehen kann.
Und ja, es gibt Rückschläge. Aber die sollte man nicht zu sehr auf sich beziehen und dann weitermachen. Das System ist für Frauen schwieriger. Für eine echte Veränderung ist darum auch die Gesellschaft gefragt: Wir müssen bessere Wege für Frauen in der Wissenschaft schaffen. In der Universitätsmedizin ist die Frauenrate unter den Professorinnen und Professoren mit 20 bis 30 Prozent immer noch gering. Da gilt es, Frauenförderung und Mentorinnen-Programme anzubieten sowie die Vereinbarkeit von Familie und Beruf anzugehen.