Apl. Prof. Dr. rer. nat. Stephanie Kullmann, Stellvertretende Leiterin der Abteilung Metabolic Neuroimaging am Institut für Diabetesforschung und Metabolische Erkrankungen (IDM) am Helmholtz Zentrum München an der Universität Tübingen
„Die Medizin der Zukunft wird Unterschiede zwischen Menschen konsequenter berücksichtigen.“
Einleitung
Welche Maßnahmen helfen gegen Stoffwechselerkrankungen wie Typ-2-Diabetes? Wie unterscheiden sie sich bei Frauen und Männern – und was hat das Gehirn damit zu tun? Diesen und weiteren Fragen gehen Stephanie Kullmann und ihr Team auf den Grund. Ihr Ziel: Eine Medizin, die schon vor der Entstehung von Krankheiten ansetzt und Unterschiede zwischen den Geschlechtern berücksichtigt. Mehr über ihre Arbeit, ihre Motivation und ihre Vision für die Medizin der Zukunft erzählt sie im Interview.

Woran arbeiten Sie gerade?
Aktuell untersuchen wir, wie sich unterschiedliche Maßnahmen bei Frauen und Männern auf den Stoffwechsel auswirken und welche Rolle dabei das Gehirn spielt. Denn inzwischen wissen wir, dass das Gehirn nicht nur Hunger, Sättigung und Belohnungsverhalten beeinflusst. Es ist auch direkt in die Regulation des Stoffwechsels eingebunden.
Zu den Maßnahmen gehört zum einen Sport. Hier stellt sich die Frage, ob schon unterschiedliche Trainingseinheiten die Wirkung von Insulin im Gehirn verbessern können. Eine andere Maßnahme sind sogenannte GLP-1-Rezeptoragonisten wie Semaglutid, die vielen als „Abnehmspritze“ bekannt sind. Uns interessiert dabei besonders, wie diese Maßnahmen auf zentrale Prozesse des Stoffwechsels wirken und ob sich daraus neue Ansätze für Prävention und personalisierte Therapie ableiten lassen.
Was inspiriert Sie, in Ihrem Fachbereich zu forschen?
Mich fasziniert, dass Erkrankungen des Stoffwechsels wie Typ-2-Diabetes nicht nur im Körper, sondern auch im Gehirn mitentschieden werden. Besonders spannend finde ich die Verbindung zwischen Verhalten, Stoffwechsel und Gehirngesundheit.
Gleichzeitig motiviert mich, dass Forschung und Versorgung geschlechtsspezifische Unterschiede noch immer zu wenig berücksichtigen. Frauen werden oft nicht ausreichend differenziert betrachtet. In unserer Forschung sehen wir, dass sowohl der Menstruationszyklus als auch das Älterwerden die Wirkung von Insulin im Gehirn bei Frauen beeinflussen – und zwar anders als bei Männern. Für mich ist dabei besonders wichtig, dass Resistenz gegen Insulin im Gehirn nicht nur Stoffwechselprozesse im Körper mitsteuert, sondern auch mit Hirnfunktion und neurodegenerativen Prozessen zusammenhängt. Genau solche Zusammenhänge besser zu verstehen und daraus eine gezieltere Prävention und Versorgung abzuleiten, ist für mich ein starker Antrieb.
Was ist Ihre Vision für die Medizin der Zukunft?
Meine Vision ist eine Medizin, die früher, präziser und individueller handelt. Sie behandelt Erkrankungen des Stoffwechsels wie Typ-2-Diabetes nicht erst, wenn sie bereits klar erkennbar sind, sondern sehr viel früher – mit einem besseren Verständnis dafür, wer gefährdet ist und welche Mechanismen dahinterstehen. Dazu gehört auch, das Gehirn stärker mitzudenken, weil es Stoffwechsel, Verhalten und Gehirngesundheit eng miteinander verbindet.
Die Medizin der Zukunft wird Unterschiede zwischen Menschen konsequenter berücksichtigen – etwa Geschlecht, Hormonstatus, Alter und individuelle Profile des Stoffwechsels. Wenn wir besser verstehen, wie Maßnahmen wie Sport, Ernährung oder moderne Medikamente bei Frauen und Männern unterschiedlich wirken, können wir Prävention wirksamer und Therapien passgenauer machen. Das ist für mich ein entscheidender Schritt hin zu wirklich personalisierter Medizin.