„Wir stellen fest, dass die Biologie selten schwarz oder weiß ist.“

Juniorprofessorin Tal Pecht, Immunologin an der Universität Bonn und Mitglied des Deutschen Zentrums für Neurodegenerative Erkrankungen (DZNE)

Einleitung

Das Immunsystem jedes Menschen ist einzigartig. Je besser wir die Unterschiede zwischen Menschen verstehen, desto gezielter können wir Krankheiten behandeln. Immunologin und Juniorprofessorin Tal Pecht untersucht, wie biologische, gesellschaftliche und Umweltfaktoren das Immunsystem beeinflussen. Dabei konzentrieren sie und ihr Team sich besonders auf die Unterschiede zwischen den Geschlechtern. Mehr zu ihrer Arbeit, ihrer Motivation und ihrer Vision für die Medizin der Zukunft erzählt sie im Interview.

Woran arbeiten Sie gerade?

Unsere Immunsysteme sind so unterschiedlich wie wir selbst. Unsere Forschung konzentriert sich darauf zu verstehen, was diese Unterschiede ausmacht. In der FemmunityX-Forschungsgruppe untersuchen wir, wie biologisches Geschlecht, Hormone, Stoffwechsel und Lebensweise das menschliche Immunsystem beeinflussen. Die Initiative ist ein Gemeinschaftsprojekt des Bereichs Systemmedizin am DZNE und des Exzellenzcluster ImmunoSensation3 der Universität Bonn.

Im internationalen Projekt TransInf untersuchen wir gemeinsam mit Partnern in Tansania, den Niederlanden und Frankreich, wie die traditionelle Ernährung in der Region des Kilimandscharo das Immunsystem und die Impfreaktion von Menschen mit Fettleibigkeit beeinflusst. Außerdem prüfen wir, ob Frauen und Männer unterschiedlich stark davon profitieren.

Für die Femmunity-Studie in Bonn nutzen wir gemeinsam mit Professor Marie-Christine Simon fortschrittliche Molekulartechnologien, um zu erforschen, wie das Immunsystem sich während des Menstruationszyklus natürlicherweise verändert. In beiden Projekten stellen wir fest, dass die Biologie selten schwarz oder weiß ist. Indem wir das Immunsystem detaillierter untersuchen, entdecken wir biologische Muster, die die Gesundheitsversorgung verbessern können.

Was inspiriert Sie, in Ihrem Fachbereich zu forschen?

Meine Neugier hinsichtlich des Immunsystems ging schon immer über das Labor hinaus. Bevor ich Wissenschaftlerin wurde, verbrachte ich mehrere Monate in Ostafrika. Dort habe ich verschiedene Kulturen, Ernährungsweisen und Lebensformen kennengelernt. Mir wurde klar, wie sehr unsere Umwelt und unser Lebensstil Einfluss auf die Gesundheit haben und wie schnell sie sich weltweit verändern.

Später, als ich eine Delegation Jugendlicher zu Frauenrechten in Deutschland begleitete, wurde mir die kulturelle und gesellschaftliche Dimension der Frauengesundheit deutlicher bewusst. Als sich meine wissenschaftliche Karriere von der Laborforschung hin zu Bevölkerungsstudien entwickelte, entdeckte ich eine weitere Ebene des komplexen Systems: Das biologische Geschlecht prägt das Immunsystem maßgeblich. Trotzdem verstehen wir viele dieser Unterschiede nach wie vor nicht vollständig, weil Frauen und diverse Bevölkerungsgruppen historisch in der Forschung unterrepräsentiert sind. Diese biologischen, gesellschaftlichen und Umweltperspektiven zusammen zu bringen, inspiriert meine Arbeit bis heute.

Was ist Ihre Vision für die Medizin der Zukunft?

Wir leben in einer Welt des Wandels, in der sich unser Lebensstil, die Umwelt und die Technologie so schnell ändern wie noch nie. Ich stelle mir für die Zukunft eine Medizin vor, die genauso schnell auf all die Fragen eine Antwort findet, die für die Gesundheit der Menschen am wichtigsten sind. Damit hätten Ärzte die Evidenz, die sie brauchen, um die bestmöglichen Therapien in einer solchen Welt des Wandels anzubieten.

Je mehr ich im Austausch mit Klinikern, der Öffentlichkeit und anderen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern stehe, desto mehr bin ich überzeugt, dass die richtigen Fragen im Dialog entstehen. Diskussionen mit Ärzten haben mir gezeigt, wie wichtig es ist, die Herausforderungen zu verstehen, denen sie sich tagtäglich gegenüberstehen. Öffentlichkeitsinitiativen wie das Femmnuity Café haben mir wiederum gezeigt, wie viel wir von den Lebenserfahrungen der Menschen lernen können. Durch meine Arbeit mit der European Federation of Immunological Societies (EFIS) sehe ich auch, wie Kontakte zwischen Forscherinnen und Forschern dazu beitragen, Annahmen in Frage zu stellen und Fortschritt zu beschleunigen. Durch eine Stärkung dieser Verbindungen können wir den Weg vom Aufkommen einer Frage bis hin zu verlässlichen Erkenntnissen verkürzen und letztlich die Gesundheit für alle verbessern.

Weitere Informationen

  • DZNE

    DZNE

    Mehr über das Deutsche Zentrum für Neurodegenerative Erkrankungen erfahren Sie auf der Website.

  • TransInf

    TransInf

    Mehr über das internationale Projekt TransInf erfahren Sie auf der Website.

  • ImmunoSensation^3

    ImmunoSensation^3

    Mehr über den Exzellenzcluster ImmunoSensation3 erfahren Sie auf der Website.

  • Femmunity Café

    Femmunity Café

    Mehr über das Femmunity Café des Exzellenzclusters ImmunoSensation3 erfahren Sie auf der Website.

  • EFIS

    EFIS

    Mehr über die Forschungsgruppen der European Federation of Immunological Societies erfahren Sie auf der Website.

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