Das Spielen im Freien ist für Kinder eine zentrale Quelle für körperliche Aktivität. Gerade in sozial benachteiligten Stadteilen sind Kinder vermehrt von Bewegungsmangel betroffen. Doch woran liegt das eigentlich und wie können wir das ändern?
B-Challenged
Mit einem Systemansatz das Spielen im Freien in benachteiligten Stadtteilen fördern. Ein Beitrag von Tilman Brand
Einleitung
Artikel
Personen, die in den 1970ern oder davor aufgewachsen sind, werden vielleicht von ihren Eltern des Öfteren zu hören bekommen haben, dass sie erst wieder ins Haus kommen sollen, wenn draußen die Straßenlaternen angehen. Tatsächlich hat sich die Zeit, die Kinder draußen spielen, seither halbiert. Laut der Report Card on Physical Activity, einer Art Schulzeugnis für Bewegung, spielen weniger als die Hälfte der Kinder in Deutschland an mindestens drei Tagen in der Woche im Freien. Note: 3(-), Gesamtnote für körperliche Aktivität: 4.
Dabei trägt das Spielen im Freien einen wesentlichen Teil zur Gesamtaktivität am Tag und damit zur ausgeglichenen Energiebilanz bei. Eine ausgeglichene Energiebilanz liegt vor, wenn sich in unserem Körper Energiezufuhr (durch Nahrung) und Energieverbrauch (Ruheumsatz plus körperliche Aktivität) die Waage halten. Ein ständiges Zuviel an Energiezufuhr bzw. Zuwenig an körperlicher Aktivität führt zu Übergewicht und Adipositas. Nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation hat sich der Anteil der übergewichtigen Kinder im Alter von 5-18 Jahren seit den 1970ern weltweit von ca. 4 Prozent auf 16 Prozent erhöht.
Besonders hoch ist dieser Anteil in Wohnregionen, die von sozialer Benachteiligung betroffen sind, also geringen Haushaltseinkommen und niedrigen Bildungsabschlüssen. Die gesundheitlichen Vorteile des Spielens im Freien sind dabei nicht nur auf die Vermeidung von Übergewicht begrenzt. Es geht auch darum, Bewegungserfahrungen zu sammeln, den kompetenten Umgang mit risikoreichen Situationen zu lernen und die eigene Selbstständigkeit zu fördern.
Bewegungsmangel – ein komplexes Problem
Was ist seit den 1970er-Jahren passiert, dass sich der Stellenwert von Spielen im Freien so verändert hat? Und warum sind insbesondere sozial benachteiligte Wohnregionen betroffen? Die wissenschaftliche Literatur hat dazu eine Vielzahl einzelner Faktoren identifiziert. Sie liegen auf ganz unterschiedlichen Ebenen, von motivationalen Faktoren (attraktive digitale Freizeitaktivitäten) über familienbezogene Faktoren (mangelnde soziale Unterstützung durch die Eltern) hin zur Wohnumgebung (wenig Zugang zu Grünflächen, Kriminalitätsfurcht) und gesamtgesellschaftlichen Entwicklungen (steigende Autozahlen).
So wichtig die Erforschung dieser einzelnen Faktoren ist, es bleiben mindestens zwei Punkte offen, wenn es um geeignete Maßnahmen geht, die das Spielen im Freien fördern. Erstens stellt sich die Frage, wie diese Faktoren zusammenwirken und welche Dynamik darunterliegt. Zweitens gilt es herauszufinden, welche Faktoren in dem konkreten Umsetzungskontext tatsächlich relevant und änderbar sind.
Systemdenken und Partizipation als Schlüssel
Ausgangspunkte im transnationalen B-Challenged-Projekt sind die partizipative Aktionsforschung und das Systemdenken. Partizipative Aktionsforschung bedeutet, dass das Forschungsteam direkt mit den Menschen, die die Forschung betrifft, in Austausch tritt und auf Augenhöhe nach einer Lösung für ein reales Problem sucht. Im B-Challenged-Projekt arbeiten wir mit einer Grundschulklasse und Akteuren aus einem benachteiligten Stadtteil in Bremen zusammen (zum Beispiel Schule, städtische Spielraumplanung, Kontaktpolizei, Sportverein). In einer Reihe von Workshops ging es darum gemeinsam herauszufinden, wie und wo die Kinder im Stadtteil spielen, was sie vor die Tür lockt und was sie davon abhält, rauszugehen.
Im Austausch mit den erwachsenen Akteuren kam die zweite Säule des Projektes, das Systemdenken, zum Tragen. Zunächst analysierten wir gemeinsam, welche Faktoren das Spielen im Freien im Stadtteil über die letzten Dekaden reduziert haben und wie diese Faktoren zusammenhängen. Daraus erstellte das Forschungsteam ein Causal Loop Diagramm (Kausalschleifendiagramm). Dieses Diagramm ermöglicht es, ein komplexes Beziehungsgeflecht von Einflussfaktoren dazustellen.
Insgesamt haben die Forschenden 27 Faktoren in das Diagramm aufgenommen. Als zentrale Faktoren gelten die Bildschirmzeit der Kinder, attraktive Spielideen, die psychischen Ressourcen der Eltern, Sicherheitsbedenken der Eltern, Förderung der Selbstständigkeit der Kinder als Erziehungsziel und die wahrgenommene Attraktivität der Spielorte. Im nächsten Schritt sammelten die Beteiligten vorhandene Maßnahmen und Ressourcen zur Förderung des Spielens im Freien im Stadtteil und entwickelten neue Ideen für Maßnahmen.
Der Systemansatz ist wichtig, weil er Faktoren bei der Maßnahmenplanung mitberücksichtigt, die auf den ersten Blick nichts mit dem eigentlichen Thema zu tun haben – zum Beispiel die psychischen Ressourcen der Eltern. Der Ansatz hilft den Beteiligten, die zugrundeliegenden Faktoren zu erkennen und fördert das Denken über fachdisziplinäre Grenzen und sektorale Zuständigkeiten hinaus.
Ausblick
Zur Umsetzung der Maßnahmen hat sich eine Planungsgruppe gegründet, die auch über die Projektlaufzeit (2024-2027) hinaus darauf hinarbeiten wird, den Spielraum im Stadtteil zurückzuerobern. Da B-Challenged in benachteiligten Orten in fünf europäischen Städten (Amsterdam, Bremen, Rudkøbing, Saragossa und Warschau) stattfindet, wird es spannend sein herauszufinden, wie gleich oder unterschiedlich die Herausforderungen und Lösungen in Bezug auf das Spielen im Freien an diesen Orten sind.
Dr. Tilman Brand

PD Dr. Tilman Brand
Link: Leibniz Institut für Präventionsforschung und Epidemiologie - BIPS
Aufgabenfelder/Forschungsfeld: Leiter der Fachgruppe Sozialepidemiologie und des Leibniz Living Labs – Gesundheitswerkstatt Osterholz