Singen fürs Team?

Ein Expertenbeitrag von Prof. Dr. Gunter Kreutz, Institut für Musik, Universität Oldenburg Eine im Februar 2018 erschienene Publikation aus den Sportwissenschaften brachte Erstaunliches zutage: Die Forscherinnen und Forscher analysierten, welche Fußballnationalmannschaften ihre Nationalhymnen bei der UEFA Europameisterschaft 2016 besonders eifrig mitsangen, bevor sie auf dem Rasen zu Werke gingen, und wie sich die Sangeslust auf deren sportlichen Erfolg ausgewirkt hatte. Das Ergebnis: In der Gruppenphase spielte das Mitsingen keine Rolle, wohl aber in der KO-Phase.

Wenn es um alles oder nichts ging, gewannen vermehrt die Mannschaften, die ihren Teamgeist schon sängerisch beschworen hatten. Das ist durchaus kein Scherz, sondern in einer renommierten Fachzeitschrift, dem European Journal of Sport Science, als empirischer Beitrag nachzulesen.

Prof. Dr. Gunter Kreutz studierte in Marburg, Berlin und San Franciso und promovierte an der Universität Bremen im Jahr 1998. Er wurde im Jahr 2006 an Goethe-Universität Frankfurt habilitiert und lehrt seit 2008 Systematische Musikwissenschaften an der Carl von Ossietzky Universität Oldenburg.

Wo kommen all diese Effekte her? Die wahrscheinlich richtige Antwort lautet: aus der menschlichen Frühgeschichte. Damit ist das Singen kein rein kulturelles Phänomen, um nur den Alltag zu verschönern. Es ist vielmehr eine Art Biotechnologie der sozialen Bindung, wie es der Neurowissenschaftler Walter Freeman einmal genannt hat. Und ganz falsch liegt er sicherlich nicht, denn kaum ein Medium vermag zwischenmenschliche Einstellungen – ohne Worte – so schnell und nachhaltig zu beeinflussen, wie das gemeinsame Singen. Die großen gesellschaftlichen Herausforderungen unserer Zeit, nämlich die Integration geflüchteter Menschen und die Inklusion von Menschen mit chronischen Erkrankungen und Behinderungen, sind auf solche Strategien angewiesen. Das gemeinsame Singen, Musizieren und Tanzen ist kein Allheilmittel, aber eine Teil individueller Lebensqualität und gelebter kultureller Teilhabe - auch und gerade in unserer Arbeitswelt, für deren humane Gestaltung wir alle eine Verantwortung mittragen. Freuen wir uns, dass Fußballnationalmannschaften auch von gänzlich unerwarteter Seite vorbildlich sein können.

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Das mag ja sein, aber sind solche Befunde Eintagsfliegen nach dem Motto, wer suchet, der findet? Weit gefehlt: Kinder im Vorschulalter agieren empathischer und kooperativer, wenn sie zuvor gemeinsam Singen und sich mit anderen Kindern synchronisieren. Familien, in denen gesungen und musiziert wird, sind emotional enger miteinander verbunden und die Familienmitglieder nehmen sich besser wahr im Vergleich zu Familien, in denen musikalische Aktivitäten im Alltag fehlen. Dasselbe gilt auch für Singgruppen und Chöre, selbst wenn die Mitglieder noch neu und unerfahren sind oder an seelischen oder körperlichen chronischen Erkrankungen leiden. Selbst die Schmerztoleranz steigt an, wenn Menschen sich synchron miteinander bewegen oder singen.


Die hier veröffentlichten Inhalte und Meinungen der Autoren entsprechen nicht notwendigerweise der Meinung des Wissenschaftsjahres 2018 - Arbeitswelten der Zukunft.