Das Blaue Telefon: Ihre Fragen zum Thema Meere und Ozeane

Es ist, bildlich gesprochen, so blau wie der Ozean weit draußen auf hoher See: das Blaue Telefon. In der gleichnamigen Rubrik beantwortet die Zeitschrift mare, Medienpartner des Wissenschaftsjahres 2016*17, in Zusammenarbeit mit MARUM, dem Bremer Zentrum für Marine Umweltwissenschaften, in jeder Ausgabe Fragen ihrer Leser. 

Wenn auch Sie eine Frage ans Blaue Telefon haben, schreiben Sie eine E-Mail an wat(at)mare.de.


Kraken haben je drei Herzen und Blutkreisläufe. Arbeiten die parallel oder quasi in Reihe geschaltet zusammen?

Kraken zählen zu den achtarmigen Tintenfischen. Sie verfügen tatsächlich über drei Herzen, die allerdings nur einen gemeinsamen Blutkreislauf antreiben. Das Hauptherz befindet sich im Eingeweidesack in der Körpermitte. Anders als das menschliche Herz hat es zwei Ausgänge für arterielles Blut. Eine Hauptschlagader führt zum Kopf, eine weitere Aorta versorgt die inneren Organe.

Zusätzlich verfügen Kraken über zwei weitere Herzen an der Basis der Kiemen, mit denen der lebensnotwendige Sauerstoff aufgenommen und an das Hauptherz weiter geleitet wird. „Im Prinzip sind die Herzen also in Reihe geschaltet“, sagt Prof. Frank Melzner. Die Meerestiere haben allerdings ein physiologisches Problem: „Tintenfische weisen im Mittel höhere Stoffwechselraten auf als etwa Fische“, erklärt der Kieler Meeresbiologe. „Weil sie den weniger effizienten Farbstoff Hämocyanin besitzen, kann ihr Blut nicht so viel Sauerstoff transportieren. Deswegen haben Kraken im Lauf der Evolution zusätzliche Herzen entwickelt.“ Zudem unterstützen aktiv pulsierende Venen die Blutzirkulation: „Diese kontraktilen Gefäße nehmen den Herzen also einen Teil der Arbeit ab und stellen sicher, dass alle Organe ausreichend mit Sauerstoff versorgt werden.“


Weshalb sind Wasserflächen nachts ruhiger als tagsüber (am Tag)?

Die Sonne versorgt uns mit Energie. Ihr Licht und ihre Wärme lassen Pflanzen wachsen, Winde wehen und bewegen Meere. Das Zentralgestirn verursacht Druckunterschiede in der Atmosphäre. Diese bewirken dass Luft von Orten hohen Drucks zu Orten niedrigen Drucks strömt: So entsteht der Wind. Neben großräumigen und langfristig stabilen Windsystemen wie den Passaten reagiert die Luft auch auf schnelle lokale Veränderungen, etwa wenn sich eine Wolke vor die Sonne schiebt.

Auch die Tatsache, dass sich das Land schneller erwärmt als das Wasser, bewegt die Luft und damit das Wasser: Über dem Land steigt warme und somit leichte Luft auf. Von See oder großen Wasserflächen strömt Luft, sogenannter auflandiger Wind, nach. In der Nacht kehrt sich der Effekt ins Gegenteil: Dann weht der Wind in Richtung Meer, da sich dieses langsamer abkühlt als die angrenzende Küstenlandschaft. Dieser ablandige Wind ist schwächer als der auflandige. Daher wehen die Winde nachts schwächer und verursachen damit auch weniger Wellen.


Gibt es Inseln aus Algen wie im Film Life of Pi?

In der Romanverfilmung „Life of Pi – Schiffbruch mit Tiger“ rettet sich ein Schiffbrüchiger namens Pi auf eine Insel im Pazifik, die aus Algen besteht, auf denen Bäume wachsen und Erdmännchen wohnen. Diese Algen können Süßwasser produzieren, setzen des Nachts jedoch Säure frei, die alles Lebendige zersetzt. – Fakt oder Fiktion?

Das ist hier die Frage: Einige Algenarten treiben in großen Mengen an der Meeresoberfläche und können Teppiche von mehreren Quadratkilometer Größe ausbilden. „Diese Algenteppiche werden von Tieren wie Krebsen auch schon einmal als eine Art Floß benutzt. Sie bestehen aber meist nur einige Wochen, also zu kurz, um dort höheres Leben wie Bäume oder Erdmännchen entstehen zu lassen“, erklärt Kai Bischof, Professor für Meeresbotanik an der Universität Bremen. „Viele dieser Algen können unter Stress chemische Substanzen freisetzen, z.B. Wasserstoffperoxid. Die Braunalge Desmarestia viridis speichert in ihrem Zellinneren hohe Konzentrationen an Schwefelsäure, die zur Abwehr von Feinden dient.“ Wie der Meeresbotaniker betont, können manche Algenarten zwar Wasser speichern; sie setzen aber kein Süßwasser frei. „Man kann also sagen, dass ein gewisser wahrer Kern in der Geschichte steckt, der dann allerdings die Fantasie des Autors weiter beflügelt hat.“


Beeinflusst Sonnencreme das Wachstum von Korallen?

Auch in diesem Jahr zieht es wieder viele Sommerurlauber an die weißen Traumstrände der Tropen; mit im Gepäck oftmals der Sonnenschutz zum Eincremen. Beim Baden und Schnorcheln geben die Urlauber einen Teil des unsichtbaren Films auf ihrer Haut an das Meerwasser ab. Die in den Cremes enthaltenen UV-Filter gelten als umweltschädlich, da sie sich in den Körpern der Meeresbewohner anreichern können.

Für Korallen sind sie besonders gefährlich. Wie ein italienisches Forscherteam herausfand, führen selbst geringe Mengen bei den Algen, die mit Steinkorallen in Symbiose leben, zu Virusinfektionen. Die Korallen bleichen aus und sterben ab. Das Phänomen der Korallenbleiche tritt weltweit auf und wird in der Regel mit erhöhten Wassertemperaturen in Verbindung gebracht. Nach Einschätzungen der Forscher sind weltweit bis zu 10 Prozent der Riffe von der durch Sonnencremes verursachten Bleiche bedroht. In einigen Touristengebieten wie den marinen Ecoparks in Mexiko sind herkömmliche Sonnenlotionen daher bereits verboten. Hier schützen sich die Strandurlauber mit biologisch abbaubaren Cremes.


Sind die jüngsten Gletscherabbrüche in der Antarktis eine Folge des Klimawandels?

„Gewaltiger Eisberg versperrt den McMurdo Sound“, titelte die Frankfurter Allgemeine Zeitung Anfang 2005. „B15A blockiert den Zugang zu Forschungsstationen“. Die Rede war von einem gewaltigen Tafeleisberg, der im März 2000 im antarktischen Rossmeer am südlichen Ende des Pazifiks entstanden war. Dort hatte sich eine 300 mal 40 Kilometer messende Eistafel vom Ross-Schelfeis gelöst und war bald darauf in mehrere Teile zerbrochen.

Die mit 3.000 Quadratkilometer größte dieser Eisinseln, von den Wissenschaftlern als B-15A katalogisiert, trieb im Lauf der Jahre durch das Rossmeer und lief schließlich im McMurdo-Sund auf Grund. – Die Geburt der Tafeleisberge, das Kalben, ist nicht zwangsläufig eine Folge des Treibhauseffekts. Darin sind sich deutsche Polarforscher mit ihren Kollegen vom British Antarctic Survey einig: „Das Kalben in dieser Region ist ein Vorgang, der sich von Zeit zu Zeit wiederholt“, meint Dr. Hans Oerter vom Alfred-Wegener-Institut für Polarforschung in Bremerhaven und verweist auf einen 150 mal 35 Kilometer großen Tafeleisberg, der im Oktober 1998 im antarktischen Weddellmeer vom Ronne-Schelfeis abgebrochen war. Dort habe sich die Eisfront lediglich auf den Stand von 1947 zurückgezogen. Zehn Breitengrade weiter nördlich, an der Antarktischen Halbinsel, scheint der Klimawandel indes schon in vollem Gange zu sein. An ihrer Ostseite brach 1995 eine 70 mal 25 Kilometer große Eistafel vom Larsen-Schelfeis ab. Fast gleichzeitig lösten sich an seinem nördlichen Ende weitere 2.000 Quadratkilometer Schelfeis in zahllose kleine Eisberge auf. Eine Fläche fast so groß wie das Saarland. Noch dramatischer erging es dem Wordie-Schelfeis an der Westseite der Halbinsel. Nach jahrzehntelangem Bröseln umfasst es nur noch ein Viertel seiner ursprünglichen Fläche. Die regionale Temperaturerhöhung von 2,5 Grad Celsius während der letzten fünf Jahrzehnte spielt dabei vermutlich eine Schlüsselrolle.


Woher hat der stille Ozean seinen Namen?

Im Gegensatz zum Atlantik oder dem Indischen Ozean hat der Pazifik einen realen Taufpaten. Dabei handelt es sich um den portugiesischen Seefahrer Fernão de Magalhães (oder Magellan). Er kommandierte jene spanische Flotte, die im 16. Jahrhundert die Welt umsegelte und dabei als erster europäischer Schiffsverband am 28. November 1520 den Südpazifik vom Osten her erreichte.

Bei der Passage der später nach dem Kommandeur benannten Magellanstraße waren Schiffe und Besatzung durch heftige Stürme und Seegang gebeutelt worden. Ein Teilnehmer, der Italiener Antonio Pigafetta, beschreibt in seinem Tagebuch die anschließende Fahrt durch das „pazifische Meer, das zurecht so genannt wurde, denn wir hatten dort keine Stürme“. Das spanische Wort pacifico bedeutet so viel wie friedvoll. Der Begriff erreichte über das Englische in dieser Form auch die deutsche Sprache, bevor im 17. Jahrhundert die Lehnübersetzung Stilles Meer aufkam. Später sprach man häufiger vom Stillen Ozean, bevor schließlich das Lehnwort Pazifik wieder die Überhand gewann. Wie auch bei Grönland, das der Wortherkunft nach grüne Land, muss ein geografischer Begriff also nicht immer mit der Realität übereinstimmen.