Das Blaue Telefon: Ihre Fragen zum Thema Meere und Ozeane

Es ist, bildlich gesprochen, so blau wie der Ozean weit draußen auf hoher See: das Blaue Telefon. In der gleichnamigen Rubrik beantwortet die Zeitschrift mare, Medienpartner des Wissenschaftsjahres 2016*17, in Zusammenarbeit mit MARUM, dem Bremer Zentrum für Marine Umweltwissenschaften, in jeder Ausgabe Fragen ihrer Leser. 

Wenn auch Sie eine Frage ans Blaue Telefon haben, schreiben Sie eine E-Mail an wat(at)mare.de.


Wurde schon einmal beobachtet, wie Tiefseebewohner in heiße Quellen geraten?



Wie können Tiefseebewohner an heißen Quellen überleben, wo doch das Wasser dort mit über 400° Celsius heraussprudelt? Sesshafte Tiere wie etwa Röhrenwürmer siedeln sich in gehörigem Abstand zu den punktförmigen heißen Quellen an und gehen so auf Nummer sicher.

Anders ist das womöglich bei Tieren, die sich frei bewegen. In einer Masterarbeit, die an der Bremer Jacobs Universität entstand, berichtet ein Student von einer Expedition mit dem Forschungsschiff SONNE, auf der heiße Quellen in den Tiefen des Pazifiks erforscht wurden. Dabei wurde auch ein mit Videokameras ausgerüsteter Tauchroboter eingesetzt. „Wir konnten beobachten, wie Tiefseegarnelen in den Ausstrom des heißen Wassers gerieten und augenblicklich gekocht wurden. Sie wechselten die Farbe von weißlich-grau zu rot. Genauso wie man es von den Nordseekrabben kennt, wenn diese in den Kochtopf kommen“, berichtet der Student der Geowissenschaften. Die Expeditionsteilnehmer konnten viele Male beobachten, wie die Garnelen in die Raucher schwammen. Unklar ist, ob dies unter normalen Umständen ebenso häufig geschieht oder sie möglicherweise durch die Lichtquellen des Tauchroboters aufgeschreckt wurden und in Panik gerieten. – Ob Tiefseegarnelen nicht nur farblich, sondern auch geschmacklich an Nordseekrabben erinnern, konnten die Wissenschaftler leider nicht testen.


Ist der geplante Ausbau der Windkraftanlagen auf See verantwortbar für die Unterwasserwelt?

Ein Antrag auf den Bau eines Offshore-Windparks kann nur genehmigt werden, wenn zum einen die Sicherheit des Seeverkehrs nicht beeinträchtigt und zum anderen die Meeresumwelt einschließlich des Vogelzugs nicht gefährdet wird.

So hat das Bundesamt für Seeschifffahrt und Hydrographie schon Anträge auf Windparks in der Ostsee aus Gründen des Meeresschutzes abgelehnt. Potenzielle Betreiber müssen durch begleitende Untersuchungen – sogenannte Monitorings – während der Bauphase, der Betriebsphase und des Rückbaus mögliche Auswirkungen auf die Meeresumwelt dokumentieren. So wurde beobachtet, dass beim Einrammen der Sockel Schweinswale das Gebiet weiträumig verlassen. Um diese Lärmbelästigung zu verringern, hat das Bundesumweltamt einen Grenzwert bestimmt. Im niederländischen Windpark Egmond aan Zee wurden indes positive Auswirkungen während des Betriebs beobachtet: Die Vielfalt und Anzahl der am Boden lebenden Organismen nahm zu, und manche Fischarten wie der Dorsch scheinen Schutz zwischen den Windmühlen zu finden – hier ist das Fischen untersagt. Aber weitere Studien sind unumgänglich, denn für viele Arten wie z.B. Seehunde liegen nicht genügend Daten vor.


Lebt die „Unsterbliche Qualle“ tatsächlich ewig?

Der wissenschaftliche Name der „Unsterblichen Qualle“ lautet Turritopsis dohrnii, ehemals als Turritopsis nutricula klassifiziert. Die nur wenige Millimeter große Qualle stammt ursprünglich aus dem Mittelmeer, ist aber als blinder Passagier in Ballasttanks großer Schiffe mittlerweile bis an die Küsten der USA oder Japans vorgedrungen.

Den Beinamen verdankt Turritopsis ihrem wundersamen Lebenszyklus: Wie die meisten ihrer Artgenossen durchläuft sie zwei Lebensstadien, ein frühes Polypen- und ein älteres Medusenstadium. Doch anstatt den Kreis des Lebens zu schließen und nach der Ei- bzw. Spermienabgabe zu sterben, spulen Turritopsis-Medusen ihren Alterungsprozess quasi zurück und werden wieder zu verjüngten Polypen – so als könnte ein Schmetterling sich verpuppen, um wieder zur Raupe zu werden. Theoretisch ist Turritopsis somit unsterblich. Einem japanischen Wissenschaftler gelang es, die Winzlinge über einen längeren Zeitraum im Labor am Leben zu erhalten. Innerhalb von zwei Jahren durchliefen sie zehnmal nacheinander ihren Verjüngungsprozess. Hierbei werden die einzelnen Körperzellen jedes Mal neu programmiert, d.h. die wiedergeborene Qualle wäre genaugenommen nicht dieselbe wie zuvor, sondern nur ein Klon.


Wozu dient die Wolle bei der Wollhandkrabbe?

Wie so oft im Leben haben auch diese Auswüchse mit dem anderen Geschlecht zu tun. Dipl. Biologin Ines Podszuck vom Deutschen Meeresmuseum in Stralsund erklärt: „Die Männchen vergrößern mit der Wolle ihre Scheren, zumindest optisch“. 

So beeindrucken sie nach dem Prinzip mehr Schein als Sein die Weibchen bzw. konkurrierende Männchen und bekommen die schönsten Partnerinnen – zumindest nach Wollhandkrabbenmaßstäben. Auch Weibchen und Jungtiere tragen Wollhandschuhe, doch sind diese nicht so mächtig. Anfang des 20. Jahrhunderts ist die Chinesische Wollhandkrabbe aus Asien nach Deutschland gelangt - vermutlich im Ballastwasser von Schiffen. Schon 1936 sammelten fleißige Helfer zwanzig Millionen Wollhandkrabben aus der Elbe. Die bis zu 30 Zentimeter großen Tiere vermehrten sich zeitweise so massiv, dass die Uferböschungen zu leben schienen. Mehrfach kam es zu solchen Plagen, zuletzt Mitte der 1990er Jahre, sagt Dr. Stephan Gollasch, Experte für invasive Arten und Leiter einer Hamburger Consultingfirma. „Das ist ein Problem, weil die Krabben drastische Schäden an Fischbrut, Ufern und Netzen anrichten.“ Inzwischen ist es so weit, dass ein Teil der Krabben per Luftpost nach Fernost zurückbefördert wird - als die chinesische Variante des Hummers.


Können Tiefseelebewesen in Aquarien an Land über längere Zeit am Leben erhalten werden?

Es gibt Tiefseebewohner, die bereits seit Jahren in Aquarien an Land gehältert werden. So leben im US-amerikanischen Monterey Bay Aquarium Anemonen, Weichkorallen und Manteltiere, die aus mehreren hundert bis tausend Metern Wassertiefe stammen.

Hierzulande leben Tiefseekorallen in speziell abgedunkelten Aquarien in Kiel und im Ozeaneum Stralsund. Wissenschaftlern des Kieler Marine Organism Culture Center ist es sogar gelungen, Tiefseemuscheln der Gattung Bathymodiolus zu halten, die mit besonderen Bakterien in Symbiose leben. Damit die Organismen überleben, ist ungewöhnliches Futter nötig: Schwefelwasserstoff und Methan. Etwas pflegeleichter erscheinen da Perlboote, auch unter dem Namen Nautilus bekannt. Drei dieser Kopffüßer leben seit 2012 im Rostocker Zoo und geben sich mit Sandgarnelen und seltenen Stinten zufrieden. Die Perlboote haben von Anfang an ihr Futter angenommen und sind bis zu vier Zentimeter im pro Jahr gewachsen Beim Füttern müssen die Tierpfleger allerdings auf ihre Finger Acht geben, da die Tiere nur schwer wieder loslassen.