Von Handelsrouten und Schiffswracks

Von Handelsrouten und Schiffswracks

Ein Expertenbeitrag von Prof. Dr. Claus v. Carnap-Bornheim

Kulturelles Erbe unter Wasser erzählt Geschichte

Ein Expertenbeitrag von Prof. Dr. Claus v. Carnap-Bornheim, Zentrum für Baltische und Skandinavische Archäologie (ZBSA) in Schleswig

Für die vor- und frühgeschichtliche Forschung ist die Kenntnis von Seehandelsrouten, von regionalen und überregionalen maritimen Verkehrsnetzen von grundlegender Bedeutung. Rohstoffe und technische Innovation, Mobilität von Menschen und nicht zuletzt kriegerische Auseinandersetzungen in und über Meere sind Phänomene, die sich in unzähligen archäologischen Quellen niederschlagen. Denken wir beispielsweise an die archäologische Forschung in Troja und den trojanischen Krieg selbst als Ausdruck eines Konflikts, der sich über die östliche Ägäis erstreckte. Oder denken wir beispielsweise an die römischen Waffen, die in den Jahrhunderten nach Christus die Inseln Gotland und Öland in der Ostsee nur über Schiffsverkehr und weitgespannte Handelsrouten erreichen konnten.

Schnittpunkte dieser Handelsrouten sind Häfen, die einer der faszinierendsten Gegenstände archäologischer Forschung sind. So wird bereits über Jahrzehnte im Hafen des antiken Rom, in Ostia gegraben; ein anderes Beispiel hierfür ist das wikingerzeitliche Haithabu in Schleswig-Holstein, wo sich der wohl am besten erforschte Hafen des frühmittelalterlichen Europas befindet. Gerade hier sind durch Ausgrabungen aufwändige Landungsbrücken, Spuren von Schiffswerften und selbstverständlich eine Unzahl von Handelswaren entdeckt worden, die weitgespannte Verknüpfungen in den Ostseeraum und darüber hinaus in die russischen Flusssysteme bis hin zum westlichen Ende der Seidenstraße belegen.

Prof. Dr. Claus von Carnap-Bornheim ist Leitender Direktor und Vorstand der Stiftung Schleswig-Holsteinische Landesmuseen Schloss Gottorf sowie Professor am Institut für Ur- und Frühgeschichte der Christian-Albrechts-Universität Kiel. Seit 2012 ist er Sprecher des DFG-Schwerpunktprogrammes „Häfen von der Römischen Kaiserzeit bis zum Mittelalter“, welches sich der archäologischen, historischen und geophysikalischen Erforschung des Phänomens Hafen widmet.

So gelingt die Rekonstruktion von Netzwerken, die Menschen und Waren verbanden, die ökonomischen Gewinn garantierten und deren Störung weitreichende Folgen für regionale Märkte haben konnten.

In den Fokus der archäologischen Forschung rücken aber auch jene Fahrzeuge, die diese Handelsrouten bedienten. Ein Blick in die Ostsee kann uns das Potential, aber auch die Gefährdung dieses einmaligen kulturellen Erbes verdeutlichen. Der niedrige Salzgehalt und die relative geringe Temperatur dieses Binnenmeeres lassen sie zu einem weltweit einmaligen Reservoir von Schiffs- und Bootswracks aus mehreren Jahrtausenden werden. In vielen Fällen sind sie in ihren konstruktiven Elementen zumindest teilweise, im günstigstem Fall sogar fast vollständig erhalten, so wie dies beim dem holländischen Segler „Vrouw Maria“ der Fall ist, der im 18. Jahrhundert vor Finnland sank. Wichtige archäologische Quellen sind darüber hinaus auch die Ladung und jene Gegenstände, die die Besatzungen an Bord zurücklassen mussten.

Heute gefährden maritime Großprojekte – wie der Bau der Fehmarnbelt-Querung oder gigantische Gasleitungen – dieses Erbe, greifen sie doch durch bauliche Maßnahmen großflächig sowohl in die Küstenbereiche als auch in den Meeresgrund ein. Notwendig ist daher eine maritime Raumordnung für die Ostsee, die das kulturelle Erbe berücksichtigt und schützt. Erste Schritte hierfür werden zur Zeit von schleswiger Archäologinnen und Archäologen entwickelt. Und unsere Hoffnung richtet sich auf die Ratifizierung der UNESCO-Konvention zum Schutz des Unterwasser-Kulturerbes, zu dem sich die Bundesrepublik auch nach einem mehrjährigen Verhandlungsprozess immer noch nicht entscheiden konnte. Im Ostseeraum ist bislang nur Litauen entschlossener und bekennt sich mit der Ratifizierung eindeutig zum einzigartigen Wert dieses kulturellen Erbes. Es bleibt zu hoffen, dass andere Staaten diesem Vorbild bald folgen werden.

 

Die hier veröffentlichten Inhalte und Meinungen der Autoren entsprechen nicht notwendigerweise der Meinung des Wissenschaftsjahres 2016*17 – Meere und Ozeane.

Metadaten zu diesem Beitrag

Schlagworte zu diesem Beitrag:

Mehr zum Themenfeld: