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Ausweichen, widerstehen, anpassen – Wie sich Gebäude vor Hochwasser schützen lassen

Ausweichen, widerstehen, anpassen – Wie sich Gebäude vor Hochwasser schützen lassen

Ein Expertenbeitrag von Dr.-Ing. Sebastian Golz

Ausweichen, widerstehen, anpassen – Wie sich Gebäude vor Hochwasser schützen lassen

Ein Expertenbeitrag von Dr.-Ing. Sebastian Golz, Leibniz-Institut für ökologische Raumentwicklung (IÖR), Dresden

Dieser Expertenbeitrag ist im Rahmen der Elbschwimmstaffel des Wissenschaftsjahrs 2016*17 – Meere und Ozeane entstanden. Hier gelangen Sie direkt zur größten Freiwasser-Schwimmstaffel Deutschlands.

Schon heute erleben wir immer wieder heftige Starkregenereignisse mit zunehmenden Risiken für Städte und Regionen. Intensive Niederschläge können entlang von Flüssen wie der Elbe zu Überflutungen führen und hohe Schäden an betroffenen Gebäuden verursachen. Für die Zukunft erwarten Expertinnen und Experten eine deutliche Zunahme extremer Niederschlagsereignisse. Um deren Folgen zu mindern, ist es deshalb wichtig, Häuser hochwasserangepasst zu bauen oder zu sanieren.

Doch wie gefährdet ist eine Immobilie? Antwort auf diese Frage erhalten Hausbesitzerinnen und Hausbezitzer bei den zuständigen Fachbehörden der Bundesländer (z. B. Landesämter für Umwelt). Sie stellen für die meisten Gebiete entlang von Flüssen und Küsten konkrete Gefahreninformationen bereit. Adressgenau lässt sich auf dieser Basis abschätzen, wie groß die Gefahr durch Hochwasser für ein Gebäude ist. Immobilienbesitzerinnen und Besitzer erhalten so die Chance, ihre Gebäude frühzeitig vor potenziellen Schäden zu schützen oder das Ausmaß von Schäden deutlich zu reduzieren.

Die Schäden an einem Gebäude nach einer Überflutung sind oft schwer zu überschauen. Bei näherer Betrachtung lassen sich jedoch drei charakteristische Schadenstypen voneinander abgrenzen: Feuchte- und Wasserschäden, strukturelle Schäden sowie Schäden durch Kontaminationen.

Nach den Hochwasserereignissen 2002 und 2006 sind zunehmend auch die Immobilienbesitzerinnen und Besitzer in der Pflicht, ihr Eigentum vor Überflutung zu schützen (§ 5 Abs. 2 Wasserhaushaltsgesetz), um etwa Schäden an der Baukonstruktion, der Haustechnik und am Inventar zu reduzieren. Doch welche Wege der Bauvorsorge gibt es?

Drei grundlegende Konzepte für das hochwassergerechte Bauen oder Sanieren von Gebäuden lassen sich unterscheiden: Ausweichen, Widerstehen und Anpassen.

Das Konzept Ausweichen reduziert Schäden durch Hochwasser am wirksamsten. Ausweichen kann dabei bedeuten, in hochwassergefährdeten Gebieten grundsätzlich nicht zu bauen. Werden Gebäude neu errichtet, können sie außerdem so konstruiert werden, dass wichtige Gebäudeteile (durch Aufschüttungen oder den Bau auf Stelzen) höhergelegt werden und so vor Überflutung geschützt sind. Zum Ausweichen gehört auch der Verzicht auf die Unterkellerung von Gebäuden und die Verlagerung der Wohnräume in die oberen Etagen.

Dr.-Ing. Sebastian Golz studierte Bauingenieurwesen an der Technischen Universität Dresden. Seit 2008 leitet er verschiedene Forschungsprojekte in den Themenfeldern Vulnerabilitäts- und Risikoanalysen für Gebäude und Verkehrsinfrastrukturen gegenüber Hochwassereinwirkungen, Abgrenzung baulicher Anpassungsoptionen zur Minderung der Schadensanfälligkeit von Gebäuden gegenüber Hochwassereinwirkungen sowie Untersuchung veränderter Einwirkungen auf Gebäude und Baukonstruktionen infolge des Klimawandels . 2016 promovierte er zum Thema „Bewertung der Schadensanfälligkeit von Mauerwerkskonstruktionen gegenüber Hochwassereinwirkungen“.

Beim Konzept Widerstehen ist es das Ziel, Hochwasser am Eindringen in ein Gebäude zu hindern. Dies ist jedoch nur bis zu einer zuvor festgelegten Überflutungshöhe möglich. Wichtig ist hier, im Vorfeld genau zu ermitteln, mit welchen Hochwasserständen zu rechnen ist. Danach werden Maßnahmen systematisch geplant und umgesetzt. Das kann zum einen die bauliche Abdichtung des Gebäudes sein; hier spricht man auch von wasserdichten Wannenkonstruktionen. Diese permanent wirksame bauliche Abdichtung kann ergänzt werden durch temporäre Barrieresysteme, die im Überflutungsfall Fenster und Türen wasserdicht verschließen. Spezielle Rückstauklappen verhindern zudem, dass Wasser über die Kanalisation in das Gebäude fließt. Diese Art der baulichen Hochwasservorsorge birgt jedoch auch Gefahren: Wird der Druck durch das steigende Hochwasser von außen auf das nicht geflutete Bauwerk zu hoch, kann es durch Auftriebskräfte zu erheblichen Schäden am gesamten Gebäude kommen. Fragen der Gebäudestandsicherheit müssen daher bei der Planung mit bedacht werden.

Das Konzept Anpassen verfolgt das Ziel, nicht „gegen das Wasser zu arbeiten“, sondern eine planmäßige Überflutung von Gebäuden zuzulassen. Durch angepasste Bauweisen ist es möglich, Schäden an Fußböden, Decken und Wänden zu minimieren. Nach einem Hochwasserereignis sind Gebäude schnell wieder nutzbar, da sich entstandene Schäden mit geringem Aufwand beseitigen lassen. Diese Art der baulichen Hochwasservorsorge setzt auf wasserbeständige bzw. -unempfindliche Baustoffe. Beim Fußboden- oder Wandaufbau werden sie in Schichten so miteinander kombiniert, dass Schäden durch den Eintritt von Wasser, etwa das Vollsaugen schwer erreichbarer Dämmstoffe, nahezu ausgeschlossen sind. Auch die Verlagerung der schadensanfälligen Haustechnik in höher liegende Geschosse zählt zum Konzept der Anpassung an Hochwassergefahren.

Welches Konzept an welchem Standort zum Tragen kommt, muss von Fall zu Fall fachgerecht geprüft und entschieden werden.

 

Die hier veröffentlichten Inhalte und Meinungen der Autoren entsprechen nicht notwendigerweise der Meinung des Wissenschaftsjahres 2016*17 – Meere und Ozeane.

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