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Chemische Dispergatoren zur Bekämpfung von Ölverschmutzungen?

Chemische Dispergatoren zur Bekämpfung von Ölverschmutzungen?

Ein Expertenbeitrag von Dr. Ulrich Callies

Chemische Dispergatoren zur Bekämpfung von Ölverschmutzungen?

Ein Expertenbeitrag von Dr. Ulrich Callies, Helmholtz-Zentrum Geesthacht (HZG), Zentrum für Material- und Küstenforschung

Ölunfälle können in Verbindung mit Schiffsverkehr oder auch dem Betrieb von Bohrinseln niemals ausgeschlossen werden. Für eine Bekämpfung möglicher Unfallfolgen ist in Deutschland das Havariekommando (eine gemeinsame Einrichtung des Bundes und der Küstenländer) zuständig, auf europäischer Ebene die in Lissabon ansässige European Maritime Safety Agency (EMSA). Zwischen den verschiedenen Staaten unterscheiden sich allerdings sowohl die Bedingungen an den potenziell betroffenen Küsten als unter Umständen auch die öffentliche Akzeptanz bestimmter Ölbekämpfungsmaßnahmen.

Umstritten ist etwa der Einsatz sogenannter chemischer Dispergatoren. Diese Stoffgemische erleichtern es dem Seegang, einen auf der Wasseroberfläche treibenden Ölteppich zu zerschlagen und in Form feiner Öltröpfchen in den Wasserkörper einzumischen. Kritiker monieren, hier werde vorsätzlich eine weitere chemische Substanz ins Wasser gekippt, nur um den Ölteppich „unsichtbar“ zu machen (man beachte die Diskussion im Rahmen des Unfalls der Deepwater Horizon). Offensichtliche Vorteile der Maßnahme sind, dass ein z.B. für Vögel lebensbedrohlicher Ölteppich beseitigt wird und die Tröpfchenbildung die Angriffsfläche für ölzehrende Mikroorganismen um ein Vielfaches erhöht. Gleichzeitig stellen die erzeugten Öltröpfchen aber eine grundsätzliche Gefahr für im Wasser lebende Organismen dar. Bei geringer Wassertiefe kann das Öl/Dispergator-Gemisch auch in Kontakt mit dem Sediment kommen bzw. in dieses eindringen. Dieser Aspekt spielt insbesondere für das sich von den Niederlanden bis nach Dänemark erstreckende Weltnaturerbe Wattenmeer eine Rolle.

Der Meteorologe Dr. Ulrich Callies leitet die Abteilung „Modellierung zur Bewertung von Küstensystemen“ am Institut für Küstenforschung des Helmholtz-Zentrums Geesthacht. Ein Schwerpunkt seiner Arbeiten sind Transportprozesse in der Nordsee. Er ist Mitglied der Unabhängigen Umweltexpertengruppe „Folgen von Schadstoffunfällen“, die das Havariekommando in Umweltfragen fachlich berät.

Wichtige Anhaltspunkte für sinnvolle Entscheidungen bietet ein Vergleich der zu erwartenden Driftwege von dispergiertem und unbehandeltem Öl. Dieser Unterschied ist in obiger Animation für einen hypothetischen Unfall veranschaulicht. An der Oberfläche treibendes Öl bewegt sich anders und meist schneller als solches im Wasserkörper, da es zusätzlich zur Strömung vom Wind über das Wasser geschoben wird. Bringt man einen Dispergator aus, so wird dieser direkte Windschub weitgehend ausgeschaltet. Bei auflandigem Wind kann damit eventuell verhindert werden, dass das Öl in besonders empfindliche Wattregionen gedrückt wird (farbig markiert sind in der Karte Regionen unterschiedlicher Sensitivität). Ablandiger Wind treibt das Öl hingegen auf die freie See hinaus, was gegebenenfalls eher gegen das Ausbringen eines Dispergators spräche.

Am HZG wurden die generellen Erfolgsaussichten für einen wirksamen Schutz des Wattenmeeres durch Ausbringen eines chemischen Dispergators abgeschätzt. Tausende hypothetische Ölunfälle an verschiedenen Orten in der Deutschen Bucht wurden hierfür modelliert. Im Falle eines realen Ereignisses würden dem Havariekommando konkrete Prognosen der Ölausbreitung vorliegen. Dennoch bleiben Entscheidungen sehr schwierig, weil chemische Dispersion aus verschiedenen Gründen nie zu 100% wirksam sein kann und damit stets eine nicht genau vorhersagbare Mischung der gegeneinander abzuwägenden Entwicklungen eintreten wird.

 

Die hier veröffentlichten Inhalte und Meinungen der Autoren entsprechen nicht notwendigerweise der Meinung des Wissenschaftsjahres 2016*17 – Meere und Ozeane.

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