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Vielfalt in der „blauen Wüste“

Tipp

Vielfalt in der „blauen Wüste“

Direkt von Bord – ein Expeditionsblogbeitrag des Forschungsschiffs Walther Herwig III

Vielfalt in der „blauen Wüste“

Der vierte Expeditionsblog-Beitrag der 404. Fahrt der Walther Herwig III

Von der Forschungsreise berichtet das wissenschaftliche Team

28.03.2017 Umfassendes Forschungsprogramm

Nachdem wir aufgrund von starkem Wind und Seegang zunächst drei Stationen überspringen mussten, haben wir nun das zweite Transekt vollständig abgeschlossen (ein Transekt ist ein Satz von Mess- bzw. Erfassungspunkten entlang einer geraden Linie). Bislang konnten wir viele der für dieses Gebiet typischen Weidenblattlarven finden; auch Larven unseres Europäischen Aals fanden sich bereits im Fang.

Daneben bietet die Reise auch Raum für andere Forschungsinhalte. Schließlich ist es uns wichtig, den Lebensraum Sargasso-See insgesamt besser zu verstehen. Nur so können wir Veränderungen frühzeitig erkennen und entsprechende Schlussfolgerungen ziehen. Forschung über Disziplingrenzen hinweg und Kooperationen mit nationalen und internationalen Partnern sind dafür die Grundvoraussetzung. So sind auch in diesem Jahr eine Reihe internationaler Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler mit an Bord. In den nächsten Tagen geben wir hier einen kleinen Einblick in ihre Arbeiten und Fragestellungen.

30.03.2017 Biodiversität von Fischlarven

Einer der Gastwissenschaftler an Bord ist Dr. Daniel Ayala von der Technischen Universität Dänemark. Er war schon 2014 mit einem dänischen Forschungsschiff in der Sargasso-See und stellt sich und seine Arbeit im Folgenden kurz vor: „Herzliche Grüße aus der Region 1.000 km südöstlich von Bermuda. Mein Name ist Daniel Jiro Ayala. Mein spezielles Interesse gilt den vielen unterschiedlichen Larven anderer Fischarten, die uns hier neben den Aalartigen in bis zu 300 Metern Tiefe ins Netz gehen. In fast jedem Fang finden sich hunderte Larven verschiedenster Arten. Und da die Larven vieler der hier vorkommenden Fischarten noch nicht beschrieben sind, wird jeder Hol aufs Neue mit Spannung untersucht. Neben der eigentlichen Arbeit an Aallarven habe ich mich während meiner Doktorarbeit an der Technischen Universität Dänemarks intensiv mit der allgemeinen Biodiversität von Fischlarven in der Sargasso-See beschäftigt. Es ist toll, auf einem Forschungsschiff zu arbeiten, zumindest solange man einigermaßen seefest ist! Wenn wir zurück sind, werde ich mich eingehend mit den hier gefangenen Fischlarven auseinandersetzen, um mehr über ihre Häufigkeit und Verbreitung herauszufinden. Hoffentlich gelingt es uns so, eine bessere Vorstellung über das Gesamtbild eines komplizierten und unendlich erscheinenden Puzzles für den Lebensraum der Sargasso-See zu bekommen.“

31.03.2017 Der Schnee des Meeres

Dr. Maria Blažina, Chemikerin am Zentrum für Marine Forschung des Rudjer-Boskovic-Instituts in Rovinj, Kroatien, schaut sich vor allem die eher unscheinbaren Details im Wasser an:

„Wie die Laichwanderung der erwachsenen Tiere sind auch Nahrung und Fressverhalten von Aallarven in ihrer natürlichen Umgebung ist ein Mysterium.

Ich habe mich dem Forschungsteam angeschlossen, um mehr über die Zusammensetzung und Qualität der organischen Partikel im nährstoffarmen Wasser der Sargasso-See zu erfahren. Sie gelten als mögliche Nahrungsquelle für Aallarven. Vor allem die biochemischen Zusammensetzung des sogenannten 'Meeresschnees' (Partikel aus totem organischen Material) ist von großem Interesse.

Um mehr über die Bestandteile zu erfahren, filtriere ich Wasserproben aus verschiedenen Tiefen durch eine Vielzahl unterschiedlicher Filter und fixiere diese Proben für spätere Untersuchungen im Labor. Dort werden die Proben mit verschiedenen Methoden analysiert und ausgewertet. Zudem ist eine genetische Analyse der hier vorkommenden Bakterien und anderer Mikroorganismen geplant. Die Übersicht der auf den Schwebstoffen vorkommenden Bakterien soll später Aufschluss über deren Nährstoffgehalt und Abbauraten geben.“

02.04.2017 Wie sich Tiefseefische orientieren

Dr. Zuzanna Musilova von der Prager Charles University in Tschechien über ihre Arbeit während der aktuellen Reise:

„Stellen Sie sich vor, Sie wären ein Tiefseefisch. Sie müssen fressen, möglichst ohne Gefahr zu laufen, selbst gefressen zu werden. Zu alledem müssen Sie außerdem beizeiten noch einen Partner finden. Und das alles in einem riesigen dreidimensionalen Ozean mit kaum oder gar keinem Licht, das von der Oberfläche in ihren Lebensraum vordringt. Ihre sensorischen Sinne, allen voran ihre visuellen (Augen) und olfaktorischen (Riechen und Schmecken), sind demnach äußerst wichtig für Ihr Überleben.

Ich bin Evolutionsbiologin und interessiere mich vor allem für Tiefseefische und ihre sensorischen Anpassungen an das Leben in der Tiefe. In Kooperation mit Kollegen aus Deutschland, Australien und der Schweiz versuche ich zu verstehen, welche molekularen Mechanismen hinter den sensiblen Sehorganen von Tiefseefischen stecken. Anhand genetischer Informationen möchten wir klären, wie und was Tiefseefische genau sehen können. So können wir etwa das verfügbare Farbenspektrum einer Fischart anhand der Gene ihrer Fotorezeptoren vorhersagen.

Die Tiefsee ist ein extremer Lebensraum, der seine Bewohner vor große Herausforderungen stellt. Mit einem ständig fortschreitenden evolutionären Wettrüsten kämpfen sie dort um ihr Überleben. Jede kleine Veränderung kann einen enormen Vorteil für das Bestehen einer Art bedeuten.

Ich bin sehr dankbar für die Möglichkeit, als Gastwissenschaftlerin an Bord der Walther Herwig III an der Expedition teilnehmen zu dürfen. Es ist für mich ein aufregendes Gefühl, durch die schier unendlichen Wassermassen voller rätselhafter Kreaturen zu fahren und die Gelegenheit zu bekommen, einen kleinen Teil der hier verborgenen Mysterien zu erkunden.“